Der wunderschöne Norden Benins

Liebe Lesende,

wie versprochen melden wir uns mal wieder, diesmal aus Dogbo, wo wir vor ein paar Tagen angekommen sind! Über unsere Zeit in Dogbo wollen wir dabei aber noch gar nicht schreiben, denn unsere Erlebnisse im Norden sollten auf keinen Fall unterschlagen werden. Obwohl es uns vorkommt, als seien wir schon seit mehreren Wochen hier im Benin, verfliegen die Tage wahnsinnig schnell. Unsere allgemeine Erklärung dafür ist, dass wir einfach in so kurzer Zeit so viele neue Eindrücke sammeln, wie sonst in mehreren Monaten nicht, sodass man sich abends verwundert fragt: „Moment mal, das hat alles heute stattgefunden?!“ Ohne lang um den heißen Brei herumzureden, fangen wir also am besten mal an!

Wenn wir davon schreiben, von unserer Zeit „im Norden“ berichten zu wollen, dann meinen wir damit unseren Aufenthalt und unser Programm in Natitingou und Boukombe. Am 02.03. mussten wir in aller Herrgottsfrühe aufstehen, um unseren Reisebus nach Natitingou zu erwischen, der um 06.30 Uhr abfahren sollte (was er zum allgemeinen Unmut und in Begleitung von Kommentaren à la „da hätten wir ja noch liegen bleiben können“ erst um 07.15 Uhr tat). Der 13-stündigen Busfahrt wollen wir gar nicht so viele Worte widmen, außer einem Ratschlag an alle zukünftigen Benin-Reisenden unter euch: deckt euch mit Ohropax o.ä. ein, denn es könnte euch passieren, dass auch euer zukünftiger Fahrer/ eurer Fahrerin bei jedem Überholvorgang und vor jeder Kurve hupt und dass ihr der ein oder anderen Telenovela (von einer/ einem unserer Mitreisenden liebevoll „Telefonela getauft) in Dauerschleife und in voller Lautstärke lauschen dürft.

Nachdem wir nach dieser Tortur endlich in Natitingou angekommen waren, machten wir prompt eine sehr unschöne Bekanntschaft. Zu einem unbestimmten Zeitpunkt während unserer Fahrt hatte sich eine Ratte als blinder Passagier an Bord unseres Gefährts geschlichen und sich einen unserer Rucksäcke als sicheres Versteck ausgesucht. Als diese in Natitingou unsanft aus dem Laderaum des Busses gehievt wurden, blieb dem verängstigten Tier nur die Flucht nach vorne und die weite Hose eines/r unserer Mitreisenden schien ein ideales, neues Versteck zu sein. Der/ die Besitzer*in ebenjener Hose fand diese brüske Annäherung verständlicherweise alles andere als angenehm, was einen grotesken Befreiungstanz zur Folge hatte, an dessen Ende die Ratte aus dem Hosenbein entfloh, um ihr Glück anderswo zu suchen.
Danke, für diese herzliche Begrüßung, Natitingou.

In unserem Hostel angekommen fielen wir alle in unsere Betten, da wir am nächsten Tag noch früher aufstehen würden müssen. Um 04.00 nämlich erwartete uns unser Fahrer, der uns zum Pendjari-Nationalpark bringen würde, wo wir auf eine Safari gehen wollten! Obwohl wir uns alle unfassbar auf das bevorstehende Abenteuer freuten, sah man an diesem Morgen (vorausgesetzt, 4 Uhr lässt sich schon „Morgen“ schimpfen) vor allem übermüdete Resignation in den Gesichtern unserer Gruppe. Während einige von uns noch den Plan verfolgten, den bitternötigen Schlaf während der dreistündigen Fahrt nachzuholen, wurden diese Pläne schnell von den unbefestigten Straßen zunichte gemacht – bei unserer Ankunft fasste Laura die Fahrt dementsprechend sehr treffend als „eine Runde im Trockner“ zusammen. Die Müdigkeit verflog jedoch umgehend, nachdem wir den Park betreten hatten.
Der Pendjari-Nationalpark ist fantastisch. Bereits in den ersten Minuten nach unserer Ankunft sahen wir einen jungen Elefanten, der sich gemächlich seinen Weg ins Unterholz bahnte. Der Anblick dieses sanften Riesen im Licht der aufgehenden Sonne, die man hinter den Bergen erahnen konnte, hatte etwas zutiefst Entspannendes und stimmte uns gebührend auf den Tag ein. Wenig später ereilte uns die nächste Überraschung, indem uns unser Fahrer vorschlug, dass jeweils 5 Gruppenteilnehmer auf dem Dach des Wagens Platz nehmen könnten, von wo aus man eine bessere Aussicht hätte. Freudestrahlend nahmen wir das Angebot an und so ließ sich immer ein Teil unserer Gruppe auf der Matratze nieder, die auf dem Dach unseres Autos angebracht war, um der Sonne zu trotzen, den Wind zu spüren und nach weiteren dort beheimateten Tieren Ausschau zu halten. Leider waren wir bezüglich letzterem weniger erfolgreich und auf der ersten Etappe erspähten wir „nur“ ein paar Perlhühner, einen Sprung Antilopen und ein flüchtendes Gnu. Unsere Sorge, dies würde die Ausbeute unserer Safari bleiben, löste sich unmittelbar in Luft auf, als wir an ein großes Wasserloch gelangten. Hier konnten wir Antilopen, Paviane, Krokodile, Nilpferde, Warzenschweine und eine Vielzahl der verschiedensten Vogelarten (für Details an Laura wenden) beobachten und wir alle waren froh, dass wir ein Fernglas dabei hatten, das am liebsten niemand abgegeben hätte.
Im weiteren Verlauf der Safari erspähten wir immer wieder Paviane und Antilopen, konnten jedoch lange Zeit keine weiteren Elefanten oder gar ein anderes Mitglied der Big 5 entdecken. Erst, als wir am Straßenrand einen kürzlich gerissenen Wasserbüffel entdeckten, war uns klar, dass sich ein Raubtier in der Nähe befinden musste und wir wurden nicht enttäuscht. Hinter der nächsten Kurve erwartete uns ein junges Löwenmännchen im seichten Gras und schaute träge zu uns herüber. Zum Glück schien unser neuer Bekannter gerade gegessen zu haben (oder wir sahen echt unappetitlich aus), denn nach kurzer Zeit drehte er uns den Rücken zu und verschwand hinter einem der zwei Meter hohen Termitenhügel, die im Pendjari überall zu finden sind. Nach kurzer Weiterfahrt erblickten wir auch nochmal zwei Elefanten, was die Erfahrung perfekt machte. Nachdem wir noch ein wenig hin- und herfuhren, machten wir uns schließlich erschöpft aber glücklich auf den Weg zum Parkausgang.

Der Tag war für uns jedoch noch lange nicht vorbei. Um uns abzukühlen beschlossen wir, zu den Wasserfällen Tanougou zu fahren und eine Runde schwimmen zu gehen. Leider entschieden wir uns auch dazu, vorher noch etwas zu essen, was so lange dauerte, dass wir nur wenig Zeit im kühlen Nass verbringen konnten. Auch, wenn die Enttäuschung groß war, nicht mehr lange bleiben zu können, taten die wenigen Minuten schwimmen so gut nach einem solchen Tag und wir konnten uns die Anstrengung, die Hitze und den Staub so richtig von der Haut waschen, bevor wir zurück nach Natitingou fuhren.

Glücklicherweise konnten wir am nächsten Tag wieder ausschlafen, denn außer unserer Fahrt nach Boukombe stand zunächst nichts größeres auf dem Programm. Dort angekommen trafen wir Valėrie, eine Freundin von Basile, die für das Hostel arbeitet, in dem wir unterkommen würden. Mit ihr unterhielten wir uns lang und genossen im Schatten großer, ausladender Bäume die ein oder andere Erfrischung. Danach bezogen wir unsere Zimmer in einem der beeindruckendsten Hostels, das die meisten von uns je gesehen hatten. Das Gebäude war im Stil der sogenannten Tata Somba gebaut, traditionellen Lehmburgen, die vom Volk der Batammariba errichtet werden und von denen wir schon einige auf der Hinfahrt hatten bestaunen können. Das Gebäude zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass das Erdgeschoss traditionellerweise nicht zum Wohnraum gehört, sondern entweder Vieh oder religiöse Altäre beherbergt (im Falle unseres Hostels war es die Rezeption). Die Getreidespeicher (in unserem Fall unsere Schlafstätten) liegen dabei im ersten Stock innerhalb runder Türmchen, sind aber nur über Leitern zu erreichen, die auf dem flachen, verwinkelten Dach gelegen sind. Nachdem wir unsere Zimmer bezogen hatten, saßen wir alle gemeinsam auf dem Dach, lasen oder unterhielten uns. Vor allem diskutierten wir, wie schon in den Tagen davor, über die Frage, ob wir einem traditionellen Inaugerationsritus [???] für junge Männer beiwohnen sollten, welcher von einer der Batammariba-Communities in der Nachbarschaft durchgeführt werden würde. Die Argumente dafür und dagegen waren mannigfaltig und die Diskussion wurde das ein oder andere Mal mehr als hitzig, aber am Ende entschlossen wir uns (einige widerwilliger als andere), uns die Zeremonie anzusehen. Als Basile dann kam, um uns abzuholen, wurde jedoch schnell klar, dass die Zeremonie schon stattgefunden hatte und wir stattdessen einem traditionellen Tanz beiwohnen konnten. Dafür fuhren wir zunächst in eine nahegelegene Batammariba-Siedlung, wo wir auf einem kleinen Hof herzlich von der dort lebenden Familie, die sich schnell als die Familie Valentins, unserem Fahrer, herausstellte, empfangen wurden. Während wir darauf warteten, dass die Zeremonie beginnen würde, verflog zunehmend das restliche Unbehagen, das wir noch verspürt hatten. Nach einer ganzen Weile konnten wir schließlich in der Ferne einen anschwellenden Trommelton vernehmen, der uns signalisierte, uns in Bewegung zu setzen. Schweigend zogen wir in Richtung des unmissverstänlichen Signals, mit jedem Schritt wuchs die Anspannung. Schließlich konnten wir sie sehen – zwei Dutzend Männer und Jungen, alle unbekleidet, die sich rhythmisch im Takt der Trommeln bewegten und in einen zirkulierenden Tanz verfielen. Als Außenseiter mussten wir weiter abseits stehen, als die Einheimischen, und so beobachteten wir das faszinierende Spektakel aus der Ferne. Nicht nur der Tanz, auch die Musik und das Szenenbild (der Tanz fand unter mehreren riesengroßen Baobab-Bäumen statt, im Hintergrund versank die Sonne in der Savanne) fügten sich zusammen und versetzten uns in einen verträumten Zustand, der auch noch dann noch lange anhielt, als wir die Stätte schon längst wieder verlassen hatten.

Abends, nachdem wir gegessen hatten, fanden wir uns alle auf dem Dach des Hostels wieder, wo wir uns über die Eindrücke des Tages austauschten und die Sterne beobachteten, die sich am klaren Himmel, frei von jeglicher Lichtverschmutzung, über uns aufzogen. Bald darauf gingen wir schlafen, um für den letzten Tag im Norden ausgeschlafen zu sein.

Unser letzter Tag im Norden begann mit einem fantastischen Frühstück, welches Valerie für uns zubereitete. Was wir nicht wussten war, dass wir diese ausgiebige Mahlzeit auch bitter nötig hatten. Wenig war uns zu diesem Zeitpunkt nämlich klar, wie anstrengend unser bevorstehendes Unterfangen werden würde.
Nachdem wir gefrühstückt hatten, hieß es Abschied nehmen von Boukombe und wir alle kletterten in unser treues Auto, welches uns nach Natitingou bringen sollte. Auf halber Strecke jedoch fuhr unser Fahrer rechts ran und wir verließen den Wagen am Rande eines kleinen Dorfes, wo wir auf unseren Guide warteten, mit dem wir den Wanderweg der „Route Colonial“ bestreiten würden. Nach kurzer Zeit des Wartens dämmerte es uns allmählich, dass diese Wanderung kein Zuckerschlecken werden würde, denn bereits das Warten im Schatten war in der Mittagshitze des beninischen Nordens nur schwer zu ertragen. Als unser Guide dann eintraf, waren einige unserer Wasserflaschen schon bedenklich leerer geworden und wir alle schwitzten heftig.
Zu Beginn der Wanderung konnten wir ein traditionelles Wohnhaus besichtigen, in das uns unser Guide einlud. In diesem – seinem – Haus, stellten er und seine Familie Medizin aus heimischen Pflanzen her und überall standen Töpfe und Krüge mit Wurzeln, Blättern und anderen Materialien herum, was dem Ganzen einen angenehm beschäftigten Eindruck verlieh. Ein paar hundert Meter weiter führte uns unser Guide dann schnurstracks in das Wohnhaus seiner Eltern, welches, anders als sein eigenes, jedoch ebenjene Tata Somba war, von der wir schon am Vortag so viele gesehen hatten. Glücklich, diese beeindruckenden Burgen nun auch von innen gesehen zu haben, machten wir uns weiter auf den Weg der Route Colonial. Beim Laufen erklärte uns unser Führer, dass die Straßen und Wege einst von Sklaven, darunter seinen (Ur-)Großeltern, errichtet worden waren, da die Franzosen schneller über die Berge gelangen wollten, die zwischen Togo und dem Benin liegen. Wie irgendjemand auch nur irgendetwas außer seinem eigenen Körpergewicht bei dieser Hitze tragen konnte, war uns schleierhaft und uns überkam eine Mischung aus Unbehagen und Ehrfurcht bei dem Gedanken daran, wie hunderte Menschen über Jahre hinweg Steine und Geröll die Berge erst hoch – und dann wieder hinunter geschleppt haben sollten. Dementsprechend erschöpft brachen wir im Schatten auf ein paar Stühlen zusammen, sobald wir auf dem Gipfel angekommen waren. Leider blieb uns kaum Zeit zum Verschnaufen, denn noch während wir an unseren laukalten Getränken nuckelten, kam unser Fahrer den Berg hinaufgefahren, um uns weiter nach Natitingou zu bringen. Dort angekommen besuchten wir ein Museum, welches uns sowohl die Geschichte, als auch die Kultur des beninischen Nordens erläuterte und näher brachte. Leider wurde unser gespanntes Lauschen von der Tatsache gestört, dass sich eine*r unserer Mitreisenden offenbar einen Sonnenstich zugezogen hatte. Dementsprechend war es eine Wohltat, dass wir den restlichen Tag in einem Pool verbrachten, der auf einem Berg gelegen war und von wo aus wir über das abendliche Natitingou blicken konnten. Die Abkühlung, die uns nach diesem Tag erwartete, empfingen wir mit offenen Armen und nachdem wir abgekühlt und vom Schwimmen ausgepowert dabei zusahen, wie der Tag dem Abend wich, froren wir sogar zum ersten Mal ein bisschen. Insgesamt, so fanden wir, hätte man unseren Aufenthalt im Norden nicht besser beenden können.

Nachdem wir nun rückblickend auf die zweite Etappe unserer Reise schauen, fällt uns auf, dass es immer schwieriger für uns wird, das Erlebte in Worte zu fassen. Wahrscheinlich könnten wir noch ewig weiterschreiben, das Gesagte mit unzähligen Fotos untermalen und noch immer wäre unsere Darstellung nur ein Bruchteil der Wirklichkeit. Aber, und das muss an dieser Stelle betont werden, das soll nicht bedeuten, dass wir es nicht versuchen wollen! In diesem Sinne: Akbe kaka für eure Aufmerksamkeit und bis ganz bald!

Eure Benin-Reisegruppe

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