Haraka haraka geht auch

Der Tag begann schon gut mit leckeren Pfannkuchen und selbstgepresstem Mangosaft. Das war auch wichtig für uns um die Energie wieder aufzutanken und eine gute Grundlage für den bevorstehenden Arbeitstag zu schaffen. Am Montag hatten wir begonnen die Bodenplatte für das Lehrerzimmer zu betonieren. Leider stand uns spontan doch keine Mischmaschine zur Verfügung, sodass wir diese Arbeit auch per Hand machen mussten. Man kann sich sicherlich vorstellen, dass dies nur mit viel Muskelkraft, langer Ausdauer und Teamgeist zu bewältigen war. An zwei Tagen mischten wir insgesamt 10 Haufen Beton aus jeweils 3 Säcken Zement, 6 Schubkarren Sand, 9 Schubkarren Kieselsteine (die wirklich schwer sind) und jede Menge „Maji“ (Wasser). Somit haben wir 1,5 Tonnen Zement, 6 Tonnen Sand und 7 Tonnen Kies für das Fundament verarbeitet. Eine große Hilfe dabei waren die zwei neuen Schubkarren und Schaufeln, die wir nach einer spontanen Spendenaktion anschaffen konnten, da die alten im wahrsten Sinne des Wortes auseinander fielen. Langsam übernehmen wir kenianische Geflogenheiten und schleppen Wassereimer für Wassereimer auf dem Kopf über den Schulhof. Alles musste vermengt werden, wobei wir uns regelmäßig abwechselten. Wir machten alle den „Nico“, dessen Lebensmotto nicht mit dem Kenianischen übereinstimmt. Sein Spruch lautet „Haraka haraka“ (Schnell schnell) anstelle des üblichen „Pole pole“ (Ruhig).

Anfangs empfanden wir es noch als Glück bei bedecktem Himmel und Regen zu arbeiten, da uns dieses Wetter hier noch unbekannt war. Jedoch wurde es nach einiger Zeit unangenehm. Nicht nur unsere Klamotten waren durchnässt, sondern auch der Sand. Gegen zwei Uhr waren wir alle fertig vom haraka haraka der letzten beiden Tagen.
Doch unser Tag war noch nicht zu Ende. Nach einer kurzen Dusche ging es mit Fatima, der Tochter von Merian, im Gepäck nach Mombasa. Zum ersten Mal stiegen wir in ein Matatu, welche hier anstelle eines Busses genutzt werden. Man stelle sich ein alten VW Bus mit fünf Sitzreihen gedacht für 15 Leute vor. Doch in Wirklichkeit fuhren wir mit 21 Leuten durch die Straßen von Mtwapa, dem nächst kleineren Örtchen in unser Gegend. Von außen bunt bemalt mit den verrücktesten Dingen, bestückt mit grellen LED Lichtern und ausgestattet mit lauten Musikboxen und fetten Stoßdämpfern sind sie hier nicht wegzudenken. Ab Mtwapa landeten auch wir in einem Partymatatu, der zusätzlich vorne noch ein großen Bildschirm eingebaut hatte auf dem durchgehend passende Musikvideos abgespielt wurden. Jedoch müssen wir es bald schon wieder verlassen, weil wir in eine Polizeikontrolle gerieten und unser Matatu aus dem Verkehr gezogen wurde. Der Verstoß gegen Verkehrsregeln aller groben Art bleiben grundsätzlich ungeahndet, doch wurden wir aufgrund von bunter Außenbeleuchtung aus dem Verkehr gezogen. Wir fühlten uns an eine Situation vor ein paar Tagen erinnert. Nach einem Stau auf der Hauptverkehrsstraße wurden wir plötzlich von dem Militär aus dem Auto gebeten. Wir mussten ein ganzes Stück laufen, bevor uns zwei weitere Soldaten unsere Pässe kontrollierten. Keiner wusste den genauen Grund dafür. Uns allen war etwas mulmig zu Mute und wir waren erleichtert als wir wieder im Auto saßen.

Endlich kamen wir in Mombasa an und der Unterschied zu unserm kleinen Dorf wird uns direkt bewusst. Mit der Idee im Hinterkopf eine Shoppingtour zu machen, führte uns Fatma schnurstracks in den ersten Stoffladen. In einer halben Stunden klapperten wir so viele Läden wie möglich ab. Da wir eher an eine entspannte Stadtbesichtigung gedacht hatten und auch noch ziemlich müde vom Bau waren, wussten wir nicht ganz, wie wir mit der Gesamtsituation umgehen sollten. Beim Schlendern durch die Seitengassen wurden wir an jeder Ecke von Straßenverkäufern angeworben getrockneten Mangostreifen zu probieren. Fatma kaufte uns ein Päckchen roteingefärbter Mangos, die uns leider so gar nicht überzeugten, da sie viel zu süß und künstlich schmeckten. Eher zufällig standen wir auf einmal vor der kenianischen Nationalbibliothek. Im Gegensatz zu Fatma, die die Bibliothek nicht betreten wollte, stand es für uns außer Frage, einen Blick reinzuwerfen. Wir wurden direkt von zwei Frauen herzlich begrüßt und reingebeten. Im Vergleich zu der uns bekannten ULB in Münster, bestand diese lediglich aus einem großen Raum mit mehreren Metallregalen und alten Büchern. Alle waren unseretwegen aus dem Häuschen und anscheinend waren wir die Attraktion des Tages. Nach einer kurzen Führung kamen wir nicht drum herum ein Gruppenfoto zu machen. Es begann ein Gewusel. Alle Handys, die zu greifen waren, wurden rausgeholt, über einen passenden Hintergrund wurde diskutiert und Lichtverhältnisse wurden eingeplant, um den perfekten Shot zu bekommen. Uns wurde schnell klar, dass dies nicht nach ein paar Minuten erledigt war. Immer wieder schrie jemand „changing positions“ und wir liefen wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen durch die Gegend. Das ganze Fotoshooting wurde wiederholt, nachdem die ersten Fotos als unverwendbar angesehen wurden. Uns wurde klar, dass bei ihrem Talent ein gutes Foto zu schießen eine große Herausforderung darstellt. 

Wir hatten das Gefühl, bald als neue Koooperationspartner angesehen und als Poster über die Tür gehangen zu werden. Nach einer gefühlten Ewigkeit verließen wir lachend die Bibliothek. Nach einem kleinen Snack mit leckeren Mahambris (frittiere Teigtaschen) machten wir uns wieder auf den Rückweg. Dank Fatmas Kontakten und Verhandlungskünsten nahmen wir ein Matatu bis vor unsere Haustür. Bis zur letzten Sekunde bleibt es spannend. Die Straßen waren rappelvoll und immer wieder waren wir von der kenianischen Fahrweise beeindruckt. Geisterfahrer sind an der Tagesordnung, da jede noch so kleine Möglichkeit zum Überholen genutzt wird. Und an diese Grundsätze hielt sich auch unser Fahrer.

Während des gemeinsamen Abendessens kam es noch zu einem unerwarteten Zwischenfall. Kahindi entdeckte eine riesige Ameisenstraße vor der Tür und schüttete sofort wie selbstverständlich eine ganze Wanne Paraffin-Öl ums Haus. Sprachlos aßen wir mit dem Geruch in der Nase unser Abendessen. Kahindi, als Wetterfrosch, erklärte uns, dass Ameisen nur den Weg ins Haus suchen, wenn starker Regen ansteht und anscheinend hatte er Recht …

Müde und erschöpft fielen wir endlich nach diesem aufregenden Tag in die Betten und bequatschen beim Zähneputzen, dass uns Mombasa nicht so überzeugt hat, wie wir erwartet hatten. Es wirkte hektisch und leider hat sich uns der Charme der Stadt noch nicht offenbart.

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