Ein letztes Halali oder: Wake me up when september ends

Wahnsinn wie die Zeit verfliegt! Inzwischen ist es Ende September und in nicht mal 48 Stunden bin ich schon irgendwo zwischen Cotonou und Istanbul. Seit meinem letzten Blog im August ist noch einiges passiert über das ich zumindest kurz berichte, jedoch möchte ich Augenmerk auf meinen gesamten Aufenthalt legen und einen kleinen Einblick in meine Gefühlswelt nach sechseinhalb Monaten Benin geben.

Die letzten Wochen im August waren noch einigermaßen gut gefüllt mit der Vorbereitung des neuen Stipendiaten, der Vorbereitung des ENACTUS-Aufenthalts in Porto Novo und Dogbo und dem Excel-Kurs. Mit Herman, dem neuen Weitblick-Stipendiaten, konnte ich noch einige Dinge vor seinem Abflug regeln. Wir haben ein wenig über kulturelle Unterschiede gesprochen, über den Ablauf seines Aufenthalts und haben gemeinsam Klamotten für den kalten Winter in Deutschland gekauft. Am interessantesten war mit Sicherheit der Besuch vom ihm am INJEPS (er studiert an einer anderen Fakultät) mit zweitätigen Aufenthalt in Port Novo; im Gegenzug hat er mir seine Fakultät in Cotonou gezeigt. Der Excel-Kurs in Dogbo ist ebenfalls gut verlaufen. Insgesamt war es sehr schwer  den Gegebenheiten gerecht zu werden: Nicht alle besitzen einen Laptop, viele verschiedene Excel-Versionen, die alle auf Französisch sind. Die größte Herausforderung war mit Sicherheit die verschiedenen Kenntnisse von Excel: Während der Fahrer des Projekts zum ersten Mal vor Excel saß und dementsprechend mit einfachen Eingaben anfing wollte der Buchhalter gerne wissen, wie denn die bedingte Formatierung funktioniert. Im Endeffekt konnten alle ihre Kenntnisse aufbessern und ich habe ein positives Feedback bekommen.

Mein offizielles Programm war damit beendet und somit konnte ich nach wenigen Tagen in Porto Novo mit kleineren Vorbereitungen und dem Verkauf meines Motorrads auf „große“ Reise gehen. Nach vier Wochen bleiben nicht nur einige Stempel im Reisepass, sondern auch neue Bekanntschaften und super viele Erinnerungen sowie Erfahrungen, von denen ich zurück in Deutschland noch lange erzählen kann. Ich bin froh, dass ich diese Reise gemacht habe, jedoch haben mir diese vier Wochen alleine quer durch Westafrika den Rest gegeben. Während Ghana noch als „Africa for beginners“ bekannt ist und man dort super viele Reisende und weiße Personen sieht, ist Togo und besonders Burkina Faso ein relativ einsames Pflaster. Im letzterem habe ich in acht Tagen neun weiße Personen gesehen (ich habe wirklich gezählt!), obwohl ich in den beiden größten Städten des Landes und an den Touri-Orten war. Dies ist sehr schade, denn das Land ist echt schön und die Leute super nett, aber leider auch super arm. Selbst ich musste nach so langer Zeit in Benin, wo man glaubt man habe schon alles gesehen, teilweise echt schlucken. Hoffen wir, dass sich die Sicherheitslage bald bessert und zumindest der Tourismus damit zurückkehrt.

Eine knappe Woche vor meinem Abflug habe ich dann wieder beninischen Boden betreten. Ich habe die Zeit bewusst kurz gehalten, um nicht „unnötig“ irgendwo herumzuhängen und auf meinen Abflug zu warten. Inzwischen fühle ich mich aber wie so ein beninischer Taxifahrer: Diese hängen Stunden an den Stationen herum, machen ein Nickerchen, plaudern hier und da, scheinen durch nichts in der Welt gestresst zu werden, sobald sie aber am Steuern sitzen gibt es kein Halten mehr und jede Sekunde muss herausgeholt werden. Es gab Zeiten während meines Aufenthalts, wo ich lieber heute als morgen nach Hause geflogen wäre. Nun, so kurz vor dem Abflug, rennt die Zeit aber davon, insbesondere weil mich noch einige Personen einladen um in Ruhe zusammen zu essen und ein bisschen zu quatschen. So war ich mit Ephraïm und Alicia den ganzen Sonntagnachmittag beim Pastor und auch der Direktor des INJEPS möchte noch mir essen gehen. Alles in allem bekomme ich aber wohl alles gut auf die Reihe.

Werfe ich einen Blick zurück auf Februar und meine Erwartungen stelle ich fest, dass die Zeit inhaltlich doch ganz anders verlaufen ist als ich es mir vorgestellt habe. Relativ schnell musste ich feststellen, dass die Idee „Career Service Center“ in Benin nicht funktionieren wird. Der Arbeitsmarkt funktioniert ganz anders, da alles über Kontakte geht und es kaum Unternehmen gibt. Diese wenigen Unternehmen müssen sich nicht um Absolventen reißen; einen „war of talents“ gibt es hier nicht. Das INJEPS hat sehr wenig Interesse an meinen Aktivitäten gezeigt, der Direktor ist nicht ein einziges Mal auf mich zugekommen um zu fragen, wie es läuft. Ich bin definitiv nicht jemand, der solche Streicheleien mag und wollte mich nicht zu sehr in die Angelegenheiten zwischen dem INJEPS und ESI einmischen, jedoch geht man so nicht mit einem so wichtigen Partner (quasi dem einzigen, den das INJEPS für den Aufbau des neuen Campus hat) um. Dementsprechend habe ich mich etwas umorientiert, mich mehr mit dem Grundschulbau befasst, dem privaten Unternehmensgründungsprojekt, den Aktivitäten von ESI oder dem neuen Stipendiaten gewidmet. Aus meiner Sicht war es eine ganz runde Sache.

Wenn ich jetzt nicht nur auf die letzten sechseinhalb Monate zurückschaue sondern auch einen Blick vorauswerfe habe ich gehörigen Respekt. Beide Kulturen haben auch einige Gemeinsamkeiten, jedoch viel mehr Unterschiede, und diese fallen gewaltig aus. Generell glaube ich, dass ich mich in das tägliche Leben in Münster wieder gut einleben werde. Meine Gedanken gehen eher in die Richtung der (Vorstands-)Arbeit bei Weitblick. Ich verstehe nun beide Kulturen sehr gut, konnte hier auch einige (vor dem interkulturellen Kontext) Aktionen und Handlungen von Weitblick, die in Benin anders  aufgenommen werden als in Deutschland, erkennen und bin nicht mehr nur Weitblick-(Vorstands-)Mitglied, sondern befinde mich in einer kleinen Vermittler-Rolle. Vermutlich werde ich einige entstehende Situationen und  Fragestellungen kritischer hinterfragen als ich es vor meinem Aufenthalt getan habe. Klaus hat dies bei meinem Abschied in Dogbo so ähnlich in anderen Worten ausgedrückt und mir klebte der Satz „Oder einfach ausgedrückt: Die Probleme beginnen jetzt“ auf der Zunge. Ich denke es wird  sich nicht so entwickeln, arbeiten wir doch alle zusammen für das gemeinsame Ziel: für einen weltweit gerechteren Zugang zu Bildung!

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3 Kommentare zu “Ein letztes Halali oder: Wake me up when september ends”

  1. Andi schreibt:

    Sep 27, 16 um 11:14

    …schöner Bericht, nur wundert mich der Zeigefinger-Hinweis.Man muss sehr überzeugt von seinem Wissen sein, wenn man schon vorher weiß öfter Sachen mit dem Zeigefinger anzeigen zu wollen…

  2. Raphael schreibt:

    Sep 27, 16 um 11:47

    Hallo Andi, danke für Deinen Hinweis. Ich habe mir die entsprechende Passage nochmals angesehen und angepasst. Ehrlich gesagt habe ich mir nicht ausreichend Gedanken gemacht,wie diese Formulierungen bei Euch in Deutschland aufgenommen werden könnten. Ich hoffe, dass ich mich jetzt besser ausgedrückt habe

  3. Andi schreibt:

    Sep 27, 16 um 11:53

    Danke Raphael, für mich ist das nachvollziehbar und sehr verständlich..


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