Auch mein Tag wird kommen

Vorletzte Woche Donnerstag war es soweit. Erstmals seit der Weitblick-Reisegruppe Ende März war ich wieder am Flughafen in Cotonou. Während ich mich Ende März von den letzten Bekannten aus Münster verabschiedete und mich ziemlich auf die darauffolgenden fünfeinhalb Monate mit einer neuen Kultur, spannenden Aufgaben am INJEPS und beim Projektpartner ESI, der Freiheit sich nicht immer in einer Gruppe von Reisenden bewegen zu müssen und besonders viele neue Bekanntschaften und Freunde zu finden freute, war meine Gefühlswelt am vorletzten Donnerstag gegen 21Uhr Ortszeit am Flughafen Cadjehoun von Cotonou schon etwas anders.

Hier in Benin kenne ich nur wenige Personen, welche nicht aus Benin oder vom afrikanischen Kontinent kommen und kann sie quasi an einer Hand abzählen. Umso erstaunlicher, dass gleich vier Bekannte am Donnerstag im selben Flieger von Air France Richtung Paris saßen, um nach Hause aufzubrechen. Nein, es fiel mir nicht besonders schwer, mich von diesen Personen zu verabschieden, da ich lediglich mit Lukas, dem Weltwärtsfreiwilligen von ESI, etwas mehr zu tun hatte. Dennoch war ich etwas emotional berührt, da ich zum ersten Mal richtig merkte, dass irgendwann auch mein Tag kommen wird. Diesen Prozess des „Abschiednehmens“ konnte ich bei Lukas etwas mitverfolgen. Bereits am Wochenende machte ich mich auf nach Dogbo, um dort bei seinem Abschied nach einem Jahr bei ESI dabei zu sein. Über Lomé (sein letzter geplanter Besuch dorthin fiel leider ins Wasser, da er krank war, worauf ich ihm versprochen habe, dass ich ihn ein anderes Mal begleiten werde) ging es dann nach Cotonou.

Während seiner letzten sechs Tage in Benin war ich sein ständiger Wegbegleiter. In diesen Tage habe ich mir Gedanken gemacht, wie meine letzten Tage aussehen werden: Das Zimmer im Quartier Louho räumen; mit dem Rucksack auf das Motorrad steigen; zum letzten Mal über die Buckelpiste an der Frau vorbei, die wirklich jedes Mal „ZINSOU LIONEL“ (Erklärung s.u.) ruft; Porto Novo über die Brücke der Lagune verlassen, welche beim Überqueren in anderer Richtung mir das kleine Gefühl von „Heimkommen“ und damit Geborgenheit in Porto Novo gibt; am Kreisverkehr, der links schnurstracks zur nigerianischen Grenze führt, nach rechts Richtung Cotonou abbiegen…

Erst beim Schreiben dieser Zeilen merke ich, wie sehr ich doch in Benin angekommen bin und wie normal das Leben hier für mich geworden ist. Klar, der Abschied von einigen Personen wird mir auch nicht einfach fallen, jedoch habe ich auch hier keine Freundschaften fürs Leben – daran glaube ich sowieso nicht, dazu lebe ich immer zu intensiv im Hier und Jetzt – geschlossen. Und wenn ich ehrlich bin wird mir genau das täglich Leben, die vollkommenen überladenen beigen-farbigen Peugeot 504, die in der Abenddämmerung leuchtenden Lampions der Straßenverkäuferinnen, das schon ziemlich verrückte Motorradfahren im Straßenverkehr und die Möglichkeit, mit einem „tssss“ quasi alles und jeden rufen zu können Ende September besonders schwer fallen.

Nun aber genug Nostalgie, noch bleiben mir rund eineinhalb Monate, davon rund gute zwei Wochen Arbeit. Mittlerweile habe ich schon einige Aufnahmen und Interviews für ein neues Uni-baut-Uni-Video gemacht und den Excel-Workshop für das Personal von ESI vorbereitet und intensiveren Kontakt zu Enactus Aachen aufgenommen, die im September zwei Installationen von Fischzuchttonnensystemen in Porto Novo und in Dogbo vornehmen werden. Es wird noch einiges an Arbeit, den Aufenthalt und die Arbeit von fünf Studierenden an zwei Standorten für zwei Benefiziare, der NGO ESI und einer Privatperson, vorzubereiten. Ab Ende August habe ich dann Freizeit und werde etwas reisen. Wie und wohin weiß ich selber noch nicht genau, planen kann man hier sowieso nicht so gut. Oder positiv ausgedrückt: „It’s Africa – only thing certain is that it’s going to be interesting.”

 

 

 

Lionel Zinsou war einer der Präsidentschaftskandidaten für die Wahlen im März. Er ist Franzose und damit hellhäutig, wodurch man als „Weißer“ hier immer wieder mit ihm in Verbindung gebracht wird und man die Rufe nach seinem Namen über sich ergehen lassen muss.

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