Das Rennen ist freigegeben!

Im letzten Blog-Eintrag habe ich vollen inhaltlichen Input geliefert. Heute möchte ich Euch zur Abwechslung in einem Exkurs einen kleinen Teil des täglichen Lebens in Benin näher bringen und diesen mit einem Teil meines Lebens verbinden.

Im Alter von neun Jahren kam ich durch Hinweis meines Onkels zum Radsport und schloss mich Concordia Lengerich an. Am Anfang drehte ich noch auf einer abgelegenen 4km-Runde auf einem weißem Stahlrahmen mit Rahmenschaltung, Korbpedalen und Campagnolo Shamalfelgen (genau solche wie Radsportlegende Dieter Fuchs noch heute fährt) meine Runden. Nach und nach wurden die Runden und Räder größer, ich wechselte zum Verein nach Münster und schloss durch den Sport viele Freundschaften. Auch wenn mir von Anfang an klar war, dass ich es nicht in die Sphären schaffe (und ich es auch nie wollte), wo man mit dem Radsport Geld verdient, hat sich mein Leben für Jahre um das Rad gedreht: Über Jahre bestimmte der Rennkalender die Wochenenden und jeden Juli fieberte ich vor dem Fernseher mit den magentafarbenen Trikots von Jan Ullrich und Erik Zabel mit. Mittlerweile liegt mein letztes Rennen schon mehr als drei Jahre zurück, dennoch fahre ich noch regelmäßig und verfolge das Geschehen der Amateur-und Profiszene noch ziemlich intensiv, auch wenn ich (bezogen auf letzteres) weiß, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.

Nun gut, um jetzt den Bogen nach Benin zu spannen: obwohl der Radsport in vielen Teilen Afrikas auf dem Vormarsch ist bekomme ich hier in Benin davon wenig mit und der Radsport ist relativ weit weg für mich. Während ich zurzeit jede Etappe der Tour im Liveticker statt am Bildschirm verfolge habe ich für mein eigenes Bedürfnis nach einem Renngeschehen eine kleine Ersatzdroge gefunden: das Motorrad!

Es mag zuerst vielleicht absurd klingen, wenn ich das Motorrad als Substitut für ein Rennrad ansehe. Abgesehen vom sportlichen Aspekt gibt es aber einige ungefähre Gemeinsamkeiten zwischen einem Radrennen und dem normalen Straßenverkehr (falls man diesen aus europäischer Sicht als „normal“ bezeichnen kann) hier, die mir den nötigen „Kick“ geben:

- Da es in Benin nur verhältnismäßig wenige Autos gibt sind quasi fast alle mit einem Zweirad unterwegs. Autos, Busse oder LKWs werden hier (wie beim sonntäglichen Lohmann Kreisel in Münster) wie Fremdkörper, die den Verkehrsfluss behindern, wahrgenommen.

- Besonders in Cotonou ist der Verkehr relativ dicht, die Straßen breit und rote Ampeln werden auch beachtet. Wie bei jedem Radrennen scharren die Fahrer in den ersten Reihen mit den Hufen, um bei Freigabe (Startschuss des Rennens bzw. Umspringen der Ampel auf grün) möglichst einer der ersten zu sein, um von der vor ihm frei liegenden Strecke profitieren zu können.

- Kreuzungen werden hier im etwas beschaulicheren Porto Novo von motorisierten Fahrzeugen definitiv anders behandelt als bei uns, oder kurz ausgedrückt: Motorradfahrer hier verhalten sich wie Rennradfahrer in Deutschland. Bei Ampeln gilt folgendes: Motorradfahrer stehen vor den Autos, auch wenn sie später ankommen und nach rechts abbiegen geht quasi immer. Bei Kreuzungen ohne Ampel wird auf keinen Fall angehalten, sondern immer der Blickkontakt zu den kreuzenden Fahrzeugen gesucht um mit möglichst wenig bremsen oder beschleunigen weiterfahren zu können.

- Zudem habe ich das Gefühl, dass hier 90% aller Motorradfahrer meinen, sie könnten besser und vor allen Dingen schneller als die restlichen Verkehrsteilnehmer fahren. Ich glaube, dass ich nochmals besonders wahrgenommen werde, da mir wenige zutrauen, richtig Motorrad fahren zu können. So passiert es immer wieder, dass sich andere Fahrer vollkommen übermotiviert noch an Dir vorbeischieben. Dies möchte man natürlich nicht auf sich sitzen lassen und nutzt die nächste Lücke, um wieder vorbeizuziehen. Dies ist natürlich vollkommen unnötig, da kaum jemand wirklich schneller als die anderen fährt, sondern nur eine Position gewinnen will. Dies erinnert mich aber total an die Radrennen der unteren Leistungsklassen, wo immer wieder jemand „hereinhackt“.

- Zweimal war ich bis spät in die Nacht bei einer Veranstaltung auf dem neuen Campus in Djavi, der relativ weit abgelegen ist. Alleine mitten in der Nacht zurück nach Porto Novo zu fahren wäre viel zu gefährlich, sodass alle zusammen im Konvoi fahren. Dabei sind die Studenten möglichst kompakt gefahren und (ich weiß nicht warum, eigentlich ist es auch total unnötig) es wird richtig gebraten. Dies hatte definitiv das Gefühl vom Fahren im Peloton.

- Relativ am Anfang bin ich mit Ephraïm und später nochmal mit Jacques in Richtung des Markts Ouando gefahren. Dies ist, vorsichtig ausgedrückt, ein sehr belebter Markt oder wie ein Amerikaner letztes Wochenende meinte: „Es ist wie Krieg“. Da ich mich zu dem Zeitpunkt noch relativ wenig auskannte war ich quasi darauf angewiesen, möglichst nah bei Ephraïm bzw. Jacques zu bleiben. Ich fühlte mich da ein wenig an das Finale eines Radrennens erinnert, wo man als Sprinter am Hinterrad seines Anfahrers klebt und niemanden zwischen sich und dem Vordermann lassen möchte. Besonders mit Jacques war dies mindestens genauso stressig, da wir bei Einbruch der Dunkelheit und strömenden Regen unterwegs waren.

- Paris-Roubaix ist eines der größten Radrennen und wird liebevoll als „Hölle des Nordens“ bezeichnet. Jedes Jahr führt die Strecke über mehr als 50km raues Kopfsteinpflaster. Kaum ein anderes Rennen ist so abhängig vom Wetter. Ist es trocken, wird unglaublich viel Sand und Staub von den Begleitmotorrädern und –Fahrzeugen aufgewirbelt, sodass die Sicht teilweise krass eingeschränkt ist und das Atmen schwerer fällt. Regnet es beginnt der Spaß erst so richtig, denn die sogenannten Sektoren werden enorm rutschig und das Rennen entwickelt sich zur echten Schlammschlacht. Ähnlich wie die Radprofis Anfang April schaue auch ich morgens gespannt aus dem Fenster, was der Himmel heute bringt, denn von meinem Haus zur nächsten asphaltierten Straße sind es 4km Erdstraße, quasi mein eigener Sektor. Bei Regen kann es enorm rutschig sein und man ist innerhalb kürzester Zeit eingesaut; ist es lange trocken wird viel Sand aufgewirbelt und das Steuern bei zu viel losem Sand auf dem Boden wird teilweise richtig schwierig. Ähnlich wie bei den Sektoren im Norden Frankreichs bilden sich verschiedene Fahrspuren und in Abhängigkeit vom Wetter muss man sich für eine dieser entscheiden.

- Vor gut zwei Monaten hatten sich die örtlichen Behörden entschlossen, diese Straße wieder etwas aufzubessern. So kamen mehrere LKWs, die frische Erde auf der Straße abgeliefert haben und im Anschluss hat eine Walze diese plattgefahren. Der Walzenfahrer hat am ersten Tag leider nicht alles geschafft. Unglücklicherweise war die Regenzeit im vollem Gange und genau in dieser Nacht hat es komplett durchgeregnet und der Walzenfahrer hat sich am nächsten Tag nicht mehr blicken lassen. Das Ergebnis war nichts anderes als ein richtiger Acker: einige Motorräder sind stecken geblieben, andere konnten ihren Fahrweg nicht mehr selber bestimmen und sind teilweise auch geflogen. Ich kam zum Glück immer gut durch und noch heute müssen Ephraïm und ich lachen, wenn wir uns über die Bedingungen unterhalten. Irgendwie hat es, zumindest uns, schon Spaß gemacht. Dies war quasi wie ein Crossrennen, mit Straßenradsport hatte dies nichts mehr zu tun.

Diese Liste könnte ich noch mit vielen weiteren Punkten füllen, jedoch habt ihr bestimmt einen guten Eindruck erhalten. Mittlerweile bin ich ziemlich sicher und zügig (Geschwindigkeit stabilisiert – es stimmt wirklich) unterwegs und es macht mir richtig Spaß, hier Motorrad zu fahren. Dennoch freue ich mich schon jetzt, noch knappe zweieinhalb Monate vor meinem Rückflug, wieder auf mein Rennrad.

Bis dahin, All heil und gute Fahrt!

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