Lebenszeichen

Mittlerweile ist es schon mehr als einen Monat her, dass ich mich gemeldet habe. Auch wenn hier die Zeit definitiv anders wahrgenommen wird, alles etwas länger dauert oder einen dritten oder vierten Anlauf braucht hat sich doch etwas getan. Ich teile den letzten Monat mal auf zwei Blog-Einträge auf, um allem Gerecht zu werden.
Zuerst stand der Abend mit Ephraïm und Jacques an, welche durch ein Weitblick-Stipendium ein Semester in Münster verbringen konnten. Nach gefühlten 20 Versuchen, Ephraïm und Jacques einen Termin finden zu lassen, haben Lambert (der Uni-baut-Uni Projektmitarbeiter) und ich diesen einfach festgelegt. Vermutlich hätten sie sich bis heute nicht auf einen Tag abgestimmt. Mit den Gründen und Ausreden, wieso sie keinen Termin finden konnten könnte ich vermutlich einen ganzen Blog-Eintrag füllen. Nun aber gut gelästert, denn im Endeffekt hat alles mehr oder weniger gut geklappt. Mehr oder weniger wahrscheinlich nur aus meiner Sicht, denn die einstündige Verspätung ist aus beninischer Sicht noch ziemlich akzeptabel. Geschuldet ist dies einigen Abstimmungsschwierigkeiten mit dem Videoprojektor. Das INJEPS besitzt leider nur genau einen und erst um 19Uhr haben wir festgestellt, dass niemand diesen beim Direkor abgeholt hatte. Zum Glück konnte Ephraïm noch relativ schnell einen Projektor aus dem Hut zaubern, sodass es dann gegen 21Uhr auch losgehen konnte. Nach einer kurzen Eröffnung von Lambert und Esther, die zurzeit den Club des amis de Weitblick leitet, durfte ich Weitblick und das Projekt Uni-baut-Uni vorstellen. Nach ungefähr 9 Monaten Französisch hat dies auch einigermaßen gut geklappt. Im Anschluss haben dann Ephraïm und Jacques über ihr Semester in Deutschland berichtet. Dabei haben sie über das Studium, Weitblick und das Leben in Deutschland berichtet. Leider reichte die Zeit natürlich nicht aus, um umfassend über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Kulturen, das Leben an der Universität und die Funktionsweise von Weitblick zu berichten. Wie wichtig so ein Austausch ist wird mir jeden Tag deutlich: Täglich werde ich mit etlichen „Yovo-Yovo“- Rufen (Weißer-Weißer) konfrontiert und auch einige Fragen der Beniner (z.B. ob deutsche Präsidentschaftskandidaten der Bevölkerung auch direkt Geld in die Hand geben, um die Gunst der Wähler zu gewinnen) zeigt mir, dass genau so ein Austausch die bestehenden Denkweisen und Prozesse in einem Land hinterfragen kann. Ebenso ist mir wichtig, dass die Studenten des INJEPS verstehen, dass Weitblick von Studenten geführt wird und niemand von uns einen Goldesel zu Hause stehen hat. Wir, Weitblick Münster, Köln, Kiel, Berlin und Göttingen arbeiten hart, um das Projekt zu finanzieren. Ich glaube, dass der Abend von Ephraïm und Jacques einen kleinen Einblick in unsere Kultur sowie unser Leben gewährt hat und auch die Beniner ihre Kultur zu schätzen wissen bzw. die Unannehmlichkeiten unserer Kultur kennenlernen durften.
Zudem haben wir das Treffen mit einigen AbsolventInnen des INJEPS, welche bereits im Berufsleben stehen, vorbereitet. Der beninische Arbeitsmarkt unterscheidet sich leider von unserem erheblich: während bei uns ein echter „War of talents“ herrscht, die Unternehmen sich um die besten Absolventen eines jeden Jahrgangs reißen und dafür etliche Tausend-Euro investieren gibt es hier kaum Unternehmen. Absolventen müssen nach dem Abschluss des Studiums zuerst viele Praktika oder unbezahlte Arbeit leisten, um sich darüber für eine Anstellung zu qualifizieren. Dementsprechend schwer ist es für Lambert, Absolventen des INJEPS für ein solches Event zu gewinnen – einen wirklichen Anreiz ihr Unternehmen oder ihre NGO zu präsentieren gibt es nicht. Zudem läuft die Mobilisierung der Studenten des INJEPS relativ schleppend. Während bei uns jede Universität ein Career-Service-Center, einen Absolvententag oder ähnliches hat ist diese Idee hier vollkommen neu – und mit etwas Skepsis vorbelastet. Dazu aber mehr im nächsten Blog.
In den letzten Wochen hat ein Solarunternehmen, welches eine Partnerschaft mit einer Hochschule in Österreich hat, den neuen Campus besichtigt. Dabei durfte ich zusammen mit dem Konrektor den Verantwortlichen den Campus in Djavi zeigen. Daneben konnte ich auch etwas Kontakt zum neuen Direktor des INJEPS knüpfen. Der erste Eindruck, welcher uns zu Beginn des Jahres aus Benin nach Münster vermittelt wurde, täuscht nicht. Er hat ehrlich gesagt keine Ahnung vom Projekt und Weitblick. Ich glaube, er sieht das Projekt als gegeben oder gar als Geschenk an und würde es gerne so nebenbei weiterlaufen lassen. Dies ist aus unserer Sicht etwas problematisch, denn das bisher investierte Finanzvolumen ist für uns, aber besonders aus beninischer Sicht, enorm: bisher wurden rund 150.000€ investiert, das hiesige BIP/Kopf beträgt rund 621€. Ich bin definitiv niemand, der sich schnell auf dem Fuß getreten fühlt oder der sich gerne hervorhebt, jedoch finde ich es etwas beschämend, dass der Direktor nicht mal den Namen Weitblick kennt und bei einem Treffen mit „ääääh les allemands“ ausweicht, wenn wir das rund 240-fache des BIP/Kopf in das INJEPS investiert haben. Etwas mehr Einsatz oder zumindest gewisse Wertschätzung wünsche ich mir für ein solches Investment schon. Die nächsten Monate werden diesbezüglich spannend.

Mittlerweile ist schon fast die erste Hälfte meines Aufenthalts rum und ich musste mein Visum in Cotonou verlängern. Nachdem ich die diversen Dokumente für die Verlängerung einigermaßen schnell zusammen hatte lief zumindest bei der Abgabe alles rund. Bei der Abholung gab es leider einige Probleme, da es keine Internetverbindung gab und daher keine Fingerabdrücke genommen werden konnten. Bevor die etwa 200 wartenden Personen dies erfahren durften mussten leider erst zwei Stunden ins Land vergehen. Eine Herausgabe war angeblich absolut nicht möglich. Früher hätte ich dies wohl so akzeptiert und wäre einfach später wiedergekommen, jedoch habe ich schon etwas Afrikaerfahrung, die sich hier ausgezahlt hat. Nach einer kurzen Diskussion („ich bin extra aus Porto Novo hergekommen“ – was nur eine Stunde Fahrzeit ist – und „ ich kann erst in 2 Wochen wieder herkommen“ – was natürlich nicht stimmt – ) gab es wohl doch eine andere Möglichkeit, wenn ich noch einige zusätzliche Angaben auf dem Antragsformular mache. Der Beamte hatte sich wohl etwas „Motivationsgeld“ erhofft, um meinen Pass ohne den Fingerabdruck heurauszugeben. Jedoch habe ich ihm, nachdem ich meine Angaben gemacht hatte, meine Hand nach einer kurzen Diskussion mehr oder weniger aggressiv entgegengestreckt und meinen Pass gefordert, woraufhin er diesen doch etwas perplex herausgerückt hat. Verarschen kann ich mich alleine!

Ansonsten geht es mir wahrscheinlich so wie den meisten Beninern nach der Präsidentschaftswahl im März, welche ich bereits in einem vorherigen Blog einmal angerissen habe: die erste Euphorie ist verflogen und auch die Kehrseiten werden sichtbar – jedoch bin ich froh, diese Entscheidung, ein halbes Jahr in Benin zu verbringen, getroffen zu haben. Ein genaueres, eigenes Zwischenfazit werde ich zur Halbzeit einmal ziehen und dann auch der durchaus etwas kritisch formulierten Einleitung zu diesem Blogeintrag (was das beninische Zeitgefühl und die Abstimmungsschwierigkeiten von Ephraïm und Jacques betrifft) etwas positives der beninischen Kultur entgegenstellen.

Viele Grüße

Raphael

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