Vertrauen ist alles

Erst in der letzten Woche habe ich ausführlich über meine ersten beiden Wochen in Porto-Novo und damit über Uni-baut-Uni und mein Leben in der Hauptstadt Benins berichtet. Da ich in der letzte Woche zum Teil etwas krank war und auch hier Christi Himmelfahrt ein Feiertag ist hatte ich viel Zeit, um nochmal zu bloggen. Dieses Mal möchte ich in einem kleinen persönlichen Exkurs über etwas berichten, was mir schon 2014 bei meinem ersten Besuch in Westafrika aufgefallen ist und mir hier in Benin immer wieder begegnet.

Du kommst nach einem langen Flug spät abends ziemlich übermüdet in einem fremden Land an und sollst eigentlich von einem Einheimischen, von dem du nicht mehr als den Namen weißt, am Flughafen abgeholt werden. Du blickst am Ausgang durch die Dunkelheit in die dort wartenden Gesichter, findest aber keinen Blickkontakt und realisierst relativ schnell, dass die dich abholende Person nicht da ist. Genau in diesem Moment wittern die dort wartenden Zem-Fahrer in ihren gelben Leibchen, auf denen ihre Registrierungsnummer als offizielles Motorradtaxi gedruckt ist, ihre Chance dich als Fahrgast zu gewinnen. Sie kommen sofort auf dich zu, begrüßen dich mit einem „Bonne arrivée“ und versichern dir, dich sicher durch das nächtliche Gewusel Cotonous mit mehr als hunderttausenden Zemi-Johns zu chauffieren – natürlich zu einem fairen Preis. Innerhalb weniger Augenblicke bildet sich eine kleine Traube um dich und jeder meint, das Beste für dich zu wissen. Du stehst ziemlich verloren da und das Einreden der Zem-Fahrer macht dich dann trotz der eigentlichen Gewissheit, abgeholt zu werden, etwas nachdenklich. Plötzlich siehst du im Augenwinkel jemanden zügigen Schrittes zielsicher auf dich zuschreiten, der sich an den wild-gestikulierenden Zem-Fahrern vorbeischiebt, dir die Hand gibt und dich mit einem freundlichen „Bonsoir, ça va?“ begrüßt. Auf meine Frage ob er Basile heißt antwortet er kurz „Oui, c’est moi. On y va!“, schnappt sich eine meiner Taschen und wir verlassen den schwach beleuchteten Vorplatz des Flughafens hinein in die dunkle Nacht.

Da ist es passiert – ich vertraue einer (für mich) fremden Person, dass er wirklich Basile ist und da ist, um mich abzuholen.

Zugegebenermaßen habe ich dies etwas überspitzt dargestellt – zu keinem Zeitpunkt habe ich mich unsicher oder bedrängt gefühlt, war mir immer sicher, dass Basile kommen wird und habe auch maximal zehn Minuten gewartet. Auch innerhalb der ersten drei Wochen durch Benin mit Basile habe ich mich nie unsicher gefühlt und ich glaube niemand sollte irgendwelche Bedenken haben, mit Weitblick nach Benin zu fliegen! Jedoch beschreibt diese Situation aus meiner Sicht ganz gut, dass man, zumindest wenn man sich etwas selbstständig in Westafrika bewegen möchte, etwas Vertrauen in die Menschen braucht.

Hier in Benin habe ich den Vorteil, dass ich zusammen mit Ephraïm wohne, wir uns nunmehr schon seit sieben Monaten kennen und viel Zeit in Deutschland bzw. Benin zusammen verbracht haben. Ihm vertraue ich blind: er erklärt Zem-Fahrern auf Goun, der lokalen Sprache Porto-Novos, wo sie mich abzusetzen haben, ohne dass ich ein einziges Wort verstanden habe oder gar das Ziel kenne; er sagt mir, ich könne problemlos bis 22-23 Uhr alleine umher laufen; er sagt Leitungswasser sei ohne Bedenken zu trinken; er überholt mit seinem Moto mit mir als Beifahrer innerorts rechts einen 40-Tonner – in der Dunkelheit, mit 70 Sachen, einen Meter weiter rechts am sandigen Straßenrand steht auf einfachen Holzbänken ziemlich schwach beleuchtetes in Glasflaschen abgefülltes nigerianisches Schmugglerbenzin.

Dieses Vertrauen-Können beschränkt sich aber nicht nur auf Personen, die ich kenne. Beim Überqueren des Volta-Stausees in Ghana mit einem kleinem Boot wusste der „Kapitän“ genau, wie viele Personen sein Boot schaffen würde – dies musste er auch, denn durch die zusammengeschusterten Bretter des Boots floss, oder sagen wir besser strömte, schon beim Entern der etwa 150 Personen Wasser. Zehn Personen mehr hätte er nicht mitnehmen können, denn bei Ankunft auf der anderen Seite des Stausees stand zumindest meinen deutlich kleineren Mitfahrern das Wasser bis zu den Knien.

An dieser Stelle könnte ich noch viele Beispiele nennen: die Reparatur eines ziemlich wertvollen Fernsehers durch einen 15-jährigen Jungen von Nebenan („Ich hab das schon häufiger gemacht und es hat immer geklappt“); das Überqueren den beninisch-togolesischen Grenze ohne irgendwelche Grenzformalitäten („Ich kenne den Grenzbeamten ganz gut, wir fahren einfach rüber“); die Suche nach Bier in den dunkelsten Hinterhöfen einer fremden Stadt („Komm mit, ich kenne da einen Spot wo es ziemlich gut gekühlt ist“) oder das mal eben kurze Ausleihen eines Motorrads der Nachbarn („Bin sofort wieder zurück“)…

Bevor ihr nun denkt, ich würde vollkommen blauäugig durch die Gegend laufen muss ich euch nun auch beruhigen. Ohne ein gewisses gutes Gefühl mache ich hier nichts: bisher habe ich meine Spiegelreflexkamera noch niemanden zur Reparatur anvertraut und Angebote wie „Du wohnst Doch auch in Luoho, ich nehme Dich ein Stück auf meinem Moto mit“ habe ich immer abgelehnt. Es gibt auch einige Beispiele, wo ich hätte Vertrauen können, es jedoch nicht getan habe. Eine gute Menschenkenntnis hat mich noch nie ausgezeichnet, jedoch fällt mir dies hier etwas leichter oder ich habe es hier irgendwie im Blut, welche Aussagen verlässlich sind und welche nicht.

In einem der ersten Blogs habe ich auf eine E-Mail vom Entwicklungshelfer Klaus van Briel verwiesen, der dem ZDF vorwirft, dass das Bild von Afrika schief hängt. Zwar kann ich nur von wenigen Erlebnissen aus lediglich drei der über 50 Ländern dieses so vielfältigen Kontinents berichten und Euch damit mit Sicherheit nicht mal eben so erklären wie Afrika funktioniert. Jedoch hoffe ich aber Euch einen guten und von der üblichen Afrika-Berichterstattung differenzierteren Einblick in das Leben hier gewährt haben zu können.

 

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