Interview zum Lehrerworkshop in Dogbo

Johanna, die in den letzten Zügen ihres Grundschullehramtsstudium steckt, hat im September einige Wochen in Burkina Faso verbracht, um dort alte Freunde zu besuchen und Lehrerworkshops zu veranstalten. Die Zeit hat sie auch für einen Ausflug ins beninische Dogbo genutzt und hat einen einwöchigen Lehrerworkshop mit fünfzehn Lehrern der Weitblick-Schulen durchgeführt. In einem kurzen Interview berichtet sie davon.

Weitblick Münster: Hallo Johanna, kannst du uns kurz erzählen, was du gemacht hast?

Johanna: Ich bin für einen Lehrerworkshop nach Dogbo gegangen. Wir hatten die Idee dazu ein Jahr vorher. Ich war selber schon einmal für sieben Monate in Burkina Faso und habe dort in einer Schule gearbeitet. Die Idee, einen Workshop zu machen, hatte ich mit anderen Studierenden aus Burkina, die hier in Deutschland waren. Dann waren wir bei einem Teach Global Summit, wo wir Mona und Matthis von Weitblick getroffen haben. Mona und Matthis hatten wie wir die Idee zu einem Workshop und wir haben uns ausgetauscht. Mona ist dann ja selber letzten Sommer nach Benin geflogen und hat dort einen Lehrerworkshop gemacht. Daraufhin hatte ich sie angeschrieben, um zu fragen, wie es gelaufen ist. Sie war sehr begeistert und wir haben unsere Unterlagen ausgetauscht. Anschließend war ich dann mit pro dogbo in Kontakt, die ein ganz tolles Team an Lehrern und eine gute Organisation auf die Beine gestellt haben.

WB MS: Jetzt kennen viele von uns ja nur deutsche Grundschulen. Kannst du uns einen kurzen Einblick in die beninischen Grundschulen und die Unterrichtsgestaltung geben?

J: In einer Grundschulklasse sitzen zwischen 20 und 100, teilweise sogar bis zu 120 Kinder. Die Schüler sind meistens schon ziemlich diszipliniert, wobei die kleineren dazu erst einmal gebracht werden müssen. Es ist fast nur Frontalunterricht und Auswendiglernen. Es ist nicht so aufgebaut wie in Deutschland, wo alles auf dem Bildungsbegriff basiert und das Kind sich seiner Fähigkeiten entsprechend entwickeln soll. In Benin geht es vordergründig um Wissenserwerb. Ähnlich wie in Frankreich gibt es in Benin ein straffes Programm: Das muss alles in die Köpfe rein und das versuchen die Lehrer auch durchzuziehen; leider verliert man einige Schüler dabei.

Beeindruckt hat mich schon, dass einige etwas wie Gruppenarbeiten in den Unterricht einbauen. Was mich total geschockt hat und ich aus Burkina so nicht kannte ist, dass in Benin seit kurzem auch vier-jährige Kinder in die Grundschulen geschickt werden. Es gibt kaum „Ecoles Maternelles“, so etwas wie einen Kindergarten. Um den Eltern trotzdem die Möglichkeit zu geben, ihre Kinder irgendwo hinzuschicken dürfen die Kinder einfach in die Grundschule gehen, was ganz schwierig ist, weil sie teilweise noch in die Hose machen und kognitiv noch gar nicht so weit sind, lesen und schreiben zu lernen.

WB MS: Wie sieht dies in Burkina aus?

J: Dort ist es so, dass du ab sechs Jahren in die Grundschule gehen kannst. Was man auch auf jeden Fall wissen muss ist, dass die Lehrer in Benin nicht nur in der Schule arbeiten, sondern immer noch einen anderen Job haben. Die Lehrer, mit denen ich im Workshop zusammengearbeitet habe waren fast alle Landwirte, weil du alleine davon [der Tätigkeit als Lehrer] nicht leben kannst.

WB MS: Heißt das, dass die Lehrer dann nicht als solche ausgebildet wurden oder doch?

J: Also, für die Grundschule ist kein Studium notwendig. Es ist dort heute eine dreijährige Ausbildung. Früher, als viele Schulen neu aufgebaut und schnell viele neue Lehrer benötigt wurden konnte man eine schnellere Ausbildung machen. Wenn ganz händeringend ein neuer Lehrer gesucht wird kann dies auch irgendwer eine Zeitlang machen.

WB MS: Was hat dich an den Schulen in Burkina und Benin am meisten beeindruckt?

J: Definitiv dieser unglaubliche Respekt den die Kinder den Älteren gegenüber bringen und die damit verbundene Disziplin, das ist ganz anders als hier und sehr beeindruckend.

WB MS: Was glaubst du, worauf beruht das?

J: Ja, leider beruht das in vielen Fällen leider sehr auf Angst, da sehr autoritär unterrichtet wird. Es gibt aber auch immer wieder Ausnahmen, es kommt sehr häufig auf den Lehrer an. Es beruht auch darauf, dass die Kinder es von zu Hause es so kennen. In der Erziehung und der gesamten Gesellschaft ist es so, dass das Kind so als der Diener von allen betrachtet wird. Dies hat mich am Anfang immer schockiert, wenn ich unterwegs war. Es muss nicht dein Kind sein, sondern auch irgendein anderes Kind, dem gesagt wird: „Geh mal eben dieses kaufen oder mach mal jenes für mich“. Das Kind würde dagegen niemals etwas sagen.

WB MS: Was waren Dinge, die du den Lehrern mitgeben konntest?

J: Zum größten Teil waren dies konkrete Methoden für den Unterricht. Wir haben zum Beispiel ganz intensiv über die Methode Gruppenpuzzle geredet. Wir haben dabei aber auch immer Ideen für Benin entwickelt: Wie kann man dies anpassen, weil die Realität dort eben etwas anders aussieht als hier, zum Beispiel durch unterschiedliche Materialien oder die Klassengröße. Wir haben dann immer ganz genau überlegt, wie wir dies anpassen können. Zuerst haben sich die Lehrer selber ausgetauscht und dabei haben sie viel voneinander gelernt. Und auch, wie man mit Disziplinproblemen umgehen kann. Es kam auch auf das heikle Thema Schlagen, was offiziell zwar verboten ist, aber in Grundschulen doch noch passiert.

WB MS: Sind die eher Einzelfälle oder konntest du dies nicht so feststellen?

J: Ich glaube es ist nicht so… also… ich habe jetzt natürlich nicht 1000 Schulen gesehen aber es passiert wohl doch noch relativ häufig. Es gibt aber auch Lehrer die es nicht machen. Im Workshop haben viele Lehrer gesagt, dass sie gegen das Schlagen sind; vielleicht haben sie dies auch gesagt, weil sie dachten, ich wolle es hören. Sie waren sich schon einig, dass es besser ist, wenn die Kinder nicht geschlagen werden. Für die Lehrer ist es natürlich nicht einfach, wenn sie dort vor 100 Schülern stehen. Ich habe einen riesen Respekt, was sie dort den ganzen Tag leisten. Wenn ich hier sechs Stunden am Tag unterrichtet habe und anschließend noch den Unterricht vorbereite dann reicht mir das als Tageswerk. Die Lehrer dort haben ja noch andere Jobs. Das alles [den Unterricht] noch in der Hitze zu tun, mit über 100 Leuten in einem kleinem Raum in der absoluten Hitzezeit ist super anstrengend.

WB MS: Was konntest du selber von der Zeit in Benin mitnehmen? Gibt es etwas worüber du sagst, da könnte man in Deutschland einmal drüber nachdenken?

J: Ja, vor allem, dass alles mit sehr viel Humor genommen wird. In Westafrika gibt es so eine Art Scherz-Verwandtschaft. Ich kannte es aus Burkina schon, dort gibt es Scherz-Verwandtschaften zwischen verschiedenen Ethnien (insgesamt gibt es über 60 verschiedene Ethnien) . Dies dient dazu, Vorurteile abzubauen; früher war es zur Kriegsvermeidung da. Zwei bestimmte Ethnien können sich gegenseitig beleidigen, wie sie wollen, es könnte niemals ein Streit werden. Man kann sich auch gegenseitig so gewisse Wahrheiten sagen. In Benin necken sich eigentlich alle gegenseitig. Das war sehr lustig. Da ich mich schon sehr gut eingelebt hatte, habe ich dieses Spiel ziemlich schnell mitgemacht. Das hat sehr viel Spaß gemacht. Ich habe gelernt, alles etwas lockerer und auch mich selbst nicht zu ernst zu nehmen.

WB MS: Wie wurdest du von den Lehrern aufgenommen und wie war das Feedback?

J: Von pro dogbo wurde ich vom ersten Tag an sehr herzlich empfangen. Beim Lehrerworkshop selber mussten wir am ersten Tag zuerst etwas warm werden, da die Lehrer noch nicht genau wussten, was sie dort erwartet. Am Ende bei der Feedback-Runde wurde diese Skepsis auch genannt: ein Lehrerworkshop, das ist ja gar nicht auf mein Fach bezogen, was wird das Ganze hier. Sie hatten noch gar keine Ahnung, was sie erwartet. Sie wussten nur, es geht irgendwie um Grundschulunterricht. Da sie selber immer nur fächerspezifische Fortbildungen haben, konnten sie sich den fächerübergreifenden Workshop gar nicht vorstellen.  Zum Ende haben sie erkannt, dass der Workshop ihnen ganz viel gebracht hat, sie ganz viel Neues gelernt haben und sie das gerne einmal im Unterricht ausprobieren würden. Am letzten Tag haben die Lehrer/innen  zudem einen Brief an sich selbst geschrieben, indem sie sich konkrete Entwicklungsaufgaben für das Schuljahr gestellt haben und festgehalten haben, welche Methoden konkret sie ausprobieren möchten. Diesen Brief können sie Ende Dezember bei prodogbo abholen, um selbst zu evaluieren, was bisher gelungen ist und was nicht.  Ich habe auch einen anonymen Evaluationsbogen gemacht, da in einer offenen Feedback-Runde eher nur die positiven Sachen gesagt werden. Auch dort [in den anonymen Evaluationsbögen] war nichts Großes, was sie kritisiert haben. Fast alle haben gesagt, dass der Lehrerworkshop weitergehen muss und noch mehr Kollegen erreicht werden müssen. Die Lehrer haben zum Abschluss auch alle ein richtig gebundenes Dokument mit den Arbeitsergebnissen bekommen, was sie in den Schulen in ihr Lehrerzimmer legen können. Damit können die anderen Lehrer auch vom Workshop lernen, gerade so ein kleines Spiel kann man ja schnell beschreiben. Die Stimmung war insgesamt super und es hat allen Spaß gemacht. Die Dankesworte der Lehrer in der öffentlichen Feedbackrunde waren rührend. Sie hatten zum Ende dann auch noch Geschenke für mich.

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