Kolonialismus – damals und heute

Der Guide erzählt so sachlich, eine Informationstafel könnte nicht weniger vorwurfsvoll klingen: „Hier stand also der Baum des Vergessens, die Männer mussten sich neunmal drum herum drehen, die Frauen siebenmal. Sie sollten so ihre afrikanische Kultur hinter sich lassen und vergessen, wo sie herkommen. Nun ja, sie haben es nicht vergessen.“ Anstatt des Baumes steht nun eine Statue mit Gedenktafel dort. Das Erbe des Sklavenhandels wurde lange Zeit nicht angenommen in Benin. Mit Unterstützung der UNESCO wurden 1992 viele historische Stellen der Stadt erneuert und für Touristen aufbereitet. Im alten portugiesischen Fort erfährt man, dass sich der Dahomey‘sche König eine Kanone ertauschen konnte, gegen 22 Frauen. Hier wurden die Sklaven versammelt und mussten bei Brot und Wasser oft monatelang auf ihren Abtransport warten. Diejenigen, die diese Zeit nicht überlebten, wurden in eine Grube am Stadtrand geworfen.

Dann fahren wir mit dem Motorrad den etwa fünf Kilometer langen Weg von der Stadt zum Wasser ab, den die Sklaven in Ketten marschieren mussten. Grauen im Schnelldurchlauf. Entlang der Route sind Skulpturen der Königssymbole von Dahomey aufgestellt worden – eine Versinnbildlichung der Tatsache, dass das Königreich auf dem Gebiet des heutigen Benin den Sklavenhandel gefördert hat. In Raubzügen wurden vor allem Menschen der nördlich lebenden Völker gefangen genommen und verkauft. Auch heute noch gibt es Spannungen zwischen Süd- und Nord-Benin, aber bei weitem nicht in dem Ausmaß anderer westafrikanischer Länder. Der Guide meint, die Beniner seien ein friedliches Volk, das in die Zukunft blickt und nicht in die Vergangenheit, und daher auch den Europäern keinen Vorwurf mache. Die Familie des ehemaligen Sklavenhändlers Francisco de Souza (sein Leben ist mit Klaus Kinski verfilmt worden: „Cobra Verde“) lebt noch in Ouidah, unbehelligt.

Angekommen an der Porte de Non Retour – ein großer Platz, dahinter das offene Meer. Vor dem vielleicht schlimmsten Teil des Weges nach Brasilien oder anderswo, der wochenlangen Überfahrt per Schiff, wurden die Sklaven mit kleinen Booten vor die Küste gefahren. Viele ergriffen die Gelegenheit und stürzten sich hier in den Tod.

Auch die Deutschen haben natürlich von Sklavenhandel und Kolonialismus profitiert, zum Beispiel durch die zahlreichen Kolonialwaren, die im Hamburger Hafen angeliefert wurden. Später haben sie in ihren eigenen Kolonien gepresst und gemordet. Ein kleiner Teil der Welt hat Jahrhunderte lang den Rest unterdrückt, bis zu 85% des Weltgebietes besetzt und dabei ganze Kulturen ausgerottet. Bis heute ist die Welt von diesem Süd-Nord-Gegensatz geprägt. Die Einteilung in Gut und Schlecht, in Unterdrücker und Unterdrückte war dabei zu Zeiten des Kolonialismus einfacher.

Mit wem identifiziert man sich dabei leichter – mit den Bürgerrechtlern wie Martin Luther King, Frantz Fanon und Rosa Parks, die für ihren Kampf gegen Rassismus in Ouidah verehrt werden? Oder mit Lothar von Trotha, der 1904 den Befehl gab, die Herero in die Wüste zu jagen und damit mindestens 50 000 Menschen in den Tod schickte? Das ist einfach. Aber auf welcher Seite der Geschichte stehe ich wirklich, als Weißer Deutscher, wenn man sieht, von welchen Strukturen ich heute profitiere?

Wieder in Cotonou bemitleide ich mich ein bisschen, mein Gewissen beschwert zu haben. Bringt doch nichts, was kann ich schon dafür? Vor allem für Menschenhandel, der hunderte Jahre zurück liegt?

Während ich an meinem Kaffee schlürfe, rechne ich dann bei slaveryfootprint.com aus, wie viele Sklaven weltweit für mich arbeiten: Es sind 34.

 

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4 Kommentare zu “Kolonialismus – damals und heute”

  1. Lisa schreibt:

    Aug 07, 13 um 20:37

    Lieber Charlie,

    ich freue mich, dass es dir (zumindest äußerlich) scheinbar gut geht in Benin und dass du Zeit hast neue Orte zu entdecken. Ich finde es richtig die Geschichte Benins (und anderer Länder) wahrzunehmen und kenne zu lernen. Trotzdem finde ich es fragwürdig zu schreiben: “Aber auf welcher Seite der Geschichte stehe ich wirklich, als Weißer Deutscher, wenn man sieht, von welchen Strukturen ich heute profitiere?”
    Findest du nicht, dass man durch solche Schuld-Gedanken zu leicht in eine Negativinterpretation der Welt hineingerät und Möglichkeiten eines neuen Weltbildes zustellt? Vielleicht bestärkt man sogar koloniale Denkweisen indem man in Weiße und Schwarze einteilt… Du relativierst deine Gedanken am Ende nochmal ein bisschen und da ich selber nicht vor Ort bin kann ich dir nicht nachfühlen.

    Danke für deine ausführlichen Beiträge,

    Lisa

  2. Charly Heberer schreibt:

    Aug 07, 13 um 21:11

    Hey Lisa, danke für dein Feedback.

    Also, erstmal ist es hoffentlich richtig und gut angekommen bei dir, dass es mir gut geht und ich eine gute Zeit habe.
    Ich teile deine Auffassung, dass eine Wahrnehmung von Geschichte nicht daran hindern darf, sich neue Möglichkeiten zu verbauen.
    Aber Konstruktion (von etwas Neuem, Gutem), muss ja einen Ursprung haben, und zwar die Destruktion von etwas Altem. Also wenn ich eine heitere, fehlerfreie Welt bauen will, dann ist das ja schon das erste Eingeständnis, dass sie im Moment nicht heiter ist (was genau meinst du denn mit “neuem Weltbild”?). Ich habe mich natürlich auf Kritik beschränkt, weil ich überspitzt auf etwas hinweisen wollte. Ist vielleicht übertrieben, aber ich hoffe, die ausgewogeneren, optimistischeren Aspekte findest du in anderen Einträgen und Äußerungen von mir.

    Zu meiner Kritik an sich: Es geht ja gerade darum, aus Schuld etwas zu machen, etwas besseres, darum denke ich nicht, dass man durch solche Gedanken in Negativinterpretationen der Welt gerät. Ich persönlich ziehe zumindest sehr viel Energie aus Schuldgefühlen, oder, wenn du es positiver formulieren willst, historischer Verantwortung. Dass wir historische Verantwortung haben, möchte ich nicht zur Diskussion stellen, es sei denn, man möchte mir ein sehr verdrehtes Weltbild oder komplette Idiotie vorwerfen. Ich sehe sowohl durch historische Kontinuität (das, was unsere Vorfahren getan haben, siehe z.B. auch NS) als auch durch heutige Strukturen (wir profitieren von billiger Arbeit in den Ländern des Südens) viele Privilegien und damit viel Verantwortung auf meiner Seite.
    Ich weiß nicht, ob man dafür an andere Orte reisen muss, auf die andere Seite der Medaille sozusagen, aber hier kann man sich dem Gedanken jedenfalls schwieriger entziehen.

    Ich hoffe, das erklärt meinen Artikel ein wenig und nochmal: Ich bin froh, hier zu sein. Ja, das Weiß-Sein habe ich die meiste Zeit des Tages im Bewusstsein, aber nein, deswegen laufe ich nicht mit hängendem Kopf durch die Straßen.

    PS: Weiß und Schwarz sind politische Begriffe und, zumindest “Schwarz”, Selbstbezeichnungen, die eine Abgrenzung aufgrund historischer und fortbestehender Unterschiede kenntlich machen. Siehe dazu z.B. Black Souls in White Skins, das ich unterm Artikel verlinkt habe.

    Lieben Gruß, Charly

  3. Maurice schreibt:

    Aug 08, 13 um 09:57

    Hallo,

    Dein Bericht hoert sich sehr interessant an, und vieler Deiner Erzaehlungen kann ich gut nachvollziehen. Ich bin fuer 1 Jahr in Dog bo mit dem weltwaerts-Programm. Auf jeden Fall wuensche ich Dir Alles Gute und jede Menge Erfahrungen. Gruesse aus Dogbo

  4. Susann schreibt:

    Aug 11, 13 um 14:43

    Lieber Charly, auch ohne in Benin zu sein, lerne ich beim Lesen deiner kurzen Berichte Land und Menschen ein wenig kennen, das ist schön. Vielleicht ist es gut den Begriff Schuld durch Verantwortung zu ersetzen, wie du es ja auch an einer Stelle in deiner Antwort an Lisa tust. Schuld kann hemmen/lähmen, doch Verantwortung für etwas zu tragen, heißt aktiv zu werden und etwas dafür zu tun, dass sich die Welt verändert. Bis zum nächsten Bericht von dir liebe Grüße Susann


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