Auf dem Moto-Taxi: Stop and go durch Cotonou

Cotonou, Mittag, bleiern liegt die Sonne auf den Straßen, der Staub liegt als große Glocke über der Stadt. Beißender Benzingeruch, wenn man mit dem Taxi-Motorrad über eine der Hauptstraßen fährt. Fliegende Händlerinnen, große Schüsseln auf den Köpfen balancierend, Jungs, die dort, wo sich der Verkehr staut, Gimmicks verkaufen. Vielspurig kriecht, rast, stoppt, schlängelt sich das vielrädrige Monster am großen Gelände am Nationalstadion vorbei. Die Busse, die hier seit kurzem fahren, sind nur halb besetzt, auf den Motos fahren bis zu vier Leute, auch schwere Lasten wie Möbel oder Baumaterial wird so transportiert. Zwischen den Fahrbahnen, gut dreißig Meter über dem Boden, ein riesiges Plakat, darauf ein älterer Mann, der die Hände über dem Kopf zusammenschlägt: „Touche pas à ma constitution!“ steht darüber, Hände weg von meiner Verfassung, darunter „Touche pas à ma république!“, Hände weg von meiner Republik. Ihm läuft eine Träne über die Wange. Eine Oppositionspartei hat die Plakate geschaltet als Widerstand gegen die von der Regierung geplante Verfassungsreform. Viele Oppositionsparteien und zivilgesellschaftliche Organisationen teilen den Protest. Der seit 2006 amtierende Präsident Boni Yayi, dem im Bezug auf seine Wiederwahl 2011 Betrugsvorwürfe gemacht werden, will die Verfassung überarbeiten. Es wird befürchtet, dass er damit letztlich seine Amtszeit verlängern will, die laut Verfassung auf zwei Perioden beschränkt ist.

Benin ist einen weiten Weg gegangen seit 1989 – von der sozialistischen Diktatur zu einer parlamentarischen Parteiendemokratie. Das Land erlebte die überraschende Wahl von Mathieu Kérékou, dem Führer im ehemaligen Einparteienstaat, sowie seine zweite demokratische Abwahl 2006. Es erlebte große Freiheit politischer Rechte, laut Reporter Ohne Grenzen mehr als viele europäische Länder. Der Bertelsmann Transformation Report bescheinigt dem Land, einen Musterweg gegangen zu sein. Jetzt also doch, das scheint der Ausruf von Vielen zu sein, die in den letzten Jahren zunehmend unzufriedener wurden mit den Staatslenkern, welche sich autoritärer gebaren und gleichzeitig keinen wachsenden Wohlstand befördern konnten. So etwas lässt man sich nicht mehr bieten. Trotz (oder wegen?) der Demokratisierung hat Benin große wirtschaftliche Probleme. Die Finanzkrise traf das Land nach 2008 hart, da ausländische Direktinvestitionen mit einem Schlag einbrachen. Inflation und Bevölkerungswachstum schmälern die bescheidenen Wachstumszahlen des BIPs zusätzlich. Die Wirtschaft müsste deutlich schneller wachsen, um ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen, um den Wohlstand zu mehren, um dem Staat mehr Steuern einzubringen, um seine Leistungen in Gesundheit und Bildung auf ein angemessenes Niveau zu heben, um sein Ansehen in der Bevölkerung zu steigern, um wiederum eine weitere Demokratisierung zu fördern. Doch es ist schwierig, Geschäfte in Benin zu machen – auf dem „Doing Business Index“ der Weltbank , der den Anspruch erhebt, ebendies zu messen, steht Benin zur Zeit auf dem 175. von 185 Plätzen. Vor allem an Rechtssicherheit fehle es laut dem Weltbank-Bericht.

Im Zentrum von Cotonou, der wichtigsten Stadt des Landes, auf einem breiten Streifen nicht mehr genutzter Eisenbahnschienen, verkaufen Kleinhändler Früchte (Orangen, Limetten, Mangos), Snacks, Handykarten, Benzin. Eigentlich ist der Verkauf von Benzin am Straßenrand seit kurzem verboten. Offiziell, weil beim illegalen Abzapfen und Transport von Öl viele Menschen sterben, aber sicherlich auch, um dem Staat Einnahmen durch Zoll und Verkauf zu sichern. Dass weiterhin geschmuggelter Treibstoff in Literflaschen oder kleinen Plastikkanistern verkauft wird, kann aber kaum verhindert werden. Einerseits lässt sich der Handel leicht auf private Häuser und Hinterhöfe verlagern, andererseits ist dieser Kleinverkauf auch nötig, da es bei weitem nicht genug Tankstellen gibt, um den spontanen Benzinbedarf von kleinen Motos zu decken. Die Teurung um gut ein Drittel des Preises bedroht neben der Existenz der Straßenverkäufer auch die der Taxifahrer und nimmt vielen weiteren bitter benötigtes Geld.

Ein großer Kreisverkehr in der Nähe des Stadions, man hupt sich aneinander vorbei, am Straßenrand bewirbt ein großes Plakat ein Kosmetikprodukt, das „perfect white skin“ machen soll. Es ist die wohl am weitesten verbreitete Werbung in Cotonou. Ist das die Folge von Jahrhunderten rassistischer Strukturen? Eine Art Stockholm Syndrome? Oder auf die vielen ausländisch-Weißen Serien und Filme zurückzuführen, die hier im TV laufen? Es ist ja nicht so, dass die Weißen nur Gutes ins Land gebracht hätten. Auch die GIZ stellt das auf ihrer entsprechenden Länderinformationsseite (wohl ohne Ironie) fest: „Ein (…) Problem ist die unzureichende Müllentsorgung. (…) Plastikverpackungen und vor allen Dingen die weit verbreiteten schwarzen Plastiktüten, die mit dem Fortschritt in das Land gelangt sind, werden verbrannt.“ Aha, der Fortschritt kommt also in schwarzen Plastiktüten und weißem Makeup.

 

Interessante Seiten:

  • Bertelsmann Transformation Index – Länderreport Benin; Index zur Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen, Länderinformationsportal der GIZ (s.o)
  • Hector Sonon, Sohn Cotonous, bekanntester beninischer Cartoonist mit Karikaturen zu Alltag und politischem Leben in Benin.
  • Themenportal von ARTE zu 50 Jahren Unabhängigkeit in Afrika
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2 Kommentare zu “Auf dem Moto-Taxi: Stop and go durch Cotonou”

  1. Andi schreibt:

    Jul 19, 13 um 14:04

    Hi Charly,

    toller Bericht – danke, aber eine Anmerkung?

    “….perfect white skin“ machen soll. Es ist die wohl am weitesten verbreitete Werbung in Cotonou. Ist das die Folge von Jahrhunderten rassistischer Strukturen? Eine Art Stockholm Syndrome?”

    Warum ist es bei uns in Europa dann “in” braun zu sein ?

    Lg Andi

  2. Charly Heberer schreibt:

    Jul 19, 13 um 15:01

    Hey Andi, keine Ahnung, weil es Hinweis auf ein “gesundes” Leben ist vlt? Leute, die sich viel draußen aufhalten, sind brauner und werden als attraktiver eingeschätzt, weil das impliziert, dass sie körperlich aktiver sind. Wenn es einem nicht gut geht, ist man ja auch oft blass…
    Ich wäre vorsichtig damit, Zusammenhänge herzustellen mit dem von mir beschriebenen Phänomen. Außer vlt., das beides Wünsche sind, das zu haben, was eher ungewöhnlich ist.
    In Europa war ja auch lange Zeit die “vornehme Blässe” in. Ich denk, weil wer blass war, zeigen konnte, dass er es sich leisten kann, nicht (draußen) zu arbeiten. Aber auch hier ist es eine andere Erscheinung als die “perfekt white skin” Werbung, denke ich. Auf rassistische Strukturen ist diese mMn daher zurückzuführen, weil das Weiße hier als etwas Überlegenes angesehen wird. Eine Überordnung, die von Weißen jahrhundertelang gelehrt und praktiziert wurde, erst mit biologischer Begründung, dann mit kulturalistischer. Irgendwann haben dann auch Leute mit schwarzer Hautfarbe dran geglaubt, gerade, weil sich dieser vermeintliche Gegensatz “Schwarz-unterentwickelt, Weiß-entwickelt” ja nach der Dekolonisierung fortgeschrieben hat und bis heute in der Praxis der Politik weiterhin besteht.
    Wie interpretierst du das denn? Und gibt es aus anderen Ländern ähnliche Erfahrungen?


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