Abomey-Calavi: Besuch an einer überfüllten Uni

Die Uhr läuft runter, der Techniker im Schaltraum hebt die Hand und zählt laut an: „Cinq!“… er senkt einen Finger nach dem anderen, O-Ton vorbei. Auf der anderen Seite der Scheibe ist die Sprecherin wieder dran. Es geht um die geplante Verfassungsänderung. Abwechselnd mit dem Moderator trägt sie die ausführlichen Nachrichten vor – Mittagsjournal beim Radio Univers, dem Uni-Radio von Abomey-Calavi. „Wir lehnen uns hier ein bisschen an Radio France Internationale an“, erklärt Simon. Er ist über Weltwärts an die Uni gekommen, seit 10 Monaten arbeitet er hier bei Univers.

In der Redaktion ist viel Betrieb, Simon schätzt die Zahl der aktiv Mitarbeitenden auf 100. 24 Studierende können hier pro Jahr eine umfassende Radioausbildung durchlaufen. Die insgesamt jährlich 80 Praktikanten in den Hochschulmedien werden nach ihrer Arbeit für das Radio oder eine der Zeitungen gerne von großen landesweit arbeitenden Medien genommen, vor allem war das bis 2008 der Fall, als es an den Hochschulen noch keine Journalismus-Ausbildungen gab. Radio Univers hat vor allem Campusgeschehen im Programm, aber auch Innenpolitik, Internationales und Sport. Es ist auch nicht nur auf dem Campus empfangbar, sondern sendet im gesamten Großraum Abomey-Calavi/Cotonou/Porto-Novo.

Dieses Ballungsgebiet ist in den letzten Jahren zusammengewachsen, so sehr, dass man auf der Fahrt von Cotonou nach Abomey-Calavi keine Stadtgrenze mehr erkennen kann. Auch der Campus wächst, er muss – die Studierendenzahl soll von 85 000 im letzten Jahr über 100 000 in diesem Jahr auf im nächsten Jahr 120 000 steigen. Daher wird jetzt gebaut, wo es geht und Geld da ist, an vielen Orten im ganzen Land. Die Vorlesungssäle platzen längst aus allen Nähten, 7000 Menschen versuchen zum Teil, einem Professor ohne Mikrofon zuzuhören, wie er erklärt, was er an die Kreidetafel schreibt. Manche sind schon drei Stunden vor Vorlesungsbeginn am Platz, um sitzen zu können.

An den privaten Hochschulen, die inmitten des Uni-Campus liegen, sieht es anders aus: etwa 20 Leute pro Klasse. Umgerechnet etwa 1000 € kostet das Schuljahr hier. Da sich das nicht viele leisten können, strömen alle an die Uni. Nachdem der Schulzugang in den 2000ern deutlich verbessert worden ist, gibt es jetzt immer mehr Abiturienten, die Zahl der Studienanfängerinnen pro Jahr stieg und steigt gewaltig. Die nächste Schwierigkeit ist es, für die Uni-Absolventen einen Job zu finden, Arbeitsmöglichkeiten für Akademikerinnen sind rar. Das Gerücht macht die Runde, dass die hohe Durchfallquote in den Abiturprüfungen politischer Wille ist, um den Druck von den Unis und vom Arbeitsmarkt zu nehmen. Was auch immer gebraucht wird, um die beninische Wirtschaft auf die Beine zu bekommen: an gut ausgebildeten und motivierten Leuten mangelt es dem Land nicht.

 

  • weitblick will bei der Finanzierung von Bauprojekten auf dem Campus mithelfen
  • Ein Artikel einer weiteren Weltwärtslerin über das Unigeschehen

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3 Kommentare zu “Abomey-Calavi: Besuch an einer überfüllten Uni”

  1. ASA schreibt:

    Aug 02, 13 um 11:52

    Lieber Charly,
    wir haben gerade einen link zu Deinem Blog auf die Facebookseite von ASA gepostet. Eico Schweins hat uns darauf aufmerksam gemacht. Sehr interessant und informativ. Wir werden ab jetzt bestimmt öfter vorbeischauen;)

    Sonnige Grüße aus Berlin,

    michael

  2. Charly Heberer schreibt:

    Aug 02, 13 um 16:18

    Das freut den Autor! :-)
    Bald geht auch unser ASA-Projektblog mit Radioreportagen online – wird dann auf der weitweg-Blog-Seite verlinkt.

    Viele Grüße nach überall!

  3. Antje schreibt:

    Feb 13, 14 um 16:20

    Hallo Charly Heberer,

    würde gerne mal Kontakt aufnehmen. War gerade in Sachen Klangkunst Radiokunst in Cotonou, habe es aber leider, leider nicht mehr geschafft, Radio Univers zu besuchen. Hätte da noch einige Fragen.
    Viele Grüße
    Antje Vowinckel (Klang-/Radiokünstlerin aus Berlin)


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