Brasilien 2012 – Landgrabbing

Kürzlich erwähnte ich, mit 50 anderen Brasilianer/innen im Kloster zu hausen, da diese einen Kurs zu „Sozialarbeit“ machen…
Inzwischen stellte sich heraus, dass viel mehr dahinter steckt und sie Teil der Widerstandsbewegung „MST“ (movimiento dos trabalhadores rurais sem terra- Bewegung von Landarbeitern ohne Boden) sind und im Rahmen davon, eine Fortbildung besuchen.
Daraufhin entstanden einige spannende Gespräche über die ungleiche Landverteilung in Brasilien bzw. in verschiedenen Ländern Lateinamerikas.

MST ist die größte soziale Bewegung Lateinamerikas mit insgesamt 1, 5 Millionen Mitgliedern/innen und ist in 23 von 27 Staaten Brasiliens vertreten.
Sie entstand aufgrund der extrem ungleichen Verteilung von Landfläche.
In Brasilien besitzen 10 % der Bevölkerung 80 % des Landes. Das bedeutet, dass 20 Großgrundbesitzer über 20 Millionen Hektar Land verfügen, 3,3 Millionen Kleinbauern/innen haben zusammen genau einmal so viel Land.

Aufgrund der wachsenden Weltbevölkerung und ökologischen Belastungen wird landwirtschaftlicher Boden immer mehr zu einem knappen Gut, weshalb Investoren (u.a. die deutsche Bank!) aus Industrie- und Schwellenländern große Agrarflächen in vielen Entwicklungsländern aber unter anderem auch in Russland oder Brasilien sichern. (land-grabbing)

Kleinbauern fehlt oftmals das Landrecht und sie verfügen über keinen offiziellen Besitztitel, sie bewirtschaften nach traditionellen Nutzungs- und Besitzübereinkünften. Das macht es für Investoren besonders leicht, Landfläche zu pachten oder kaufen, auch wenn ca. die Hälfte des Landes lediglich als Spekulationsobjekte dient und nicht bewirtschaftet wird. Landlose sind staatlichen Institutionen ausgeliefert, Großgrundbesitzer/innen aufgrund von Korruption weitgehend straffrei.

Doch die Spekulation scheint erfolgreich zu sein.
Aufgrund des weltweit zunehmenden Fleischkonsums und der hohen Nachfrage nach Biodiesel ist eine wachsende Sojaproduktion von Nöten.

Soja ist das Nahrungsmittel für die auf Massentierhaltung basierende Fleischproduktion. Auch wenn es zunächst ein sinnvoller Fleischersatz scheinen sollte, landet nur ein geringer Teil in Lebensmitteln wie Tofu, Sojasoße, Sojamilch oder Margarine.
Fakt ist, dass 250 Millionen Tonnen Soja angebaut werden, dreiviertel der Produktion in Lateinamerika und allein ein Viertel in Brasilien –vor allem für die Fleischproduktion.
Mit Unterstützung der Militärregierung in den 70er Jahren breitete sich die Produktion immer mehr, von Süden kommend, Richtung Amazonasgebiet aus.
Neben der Vernichtung von Landflächen und ökologischen Problemen geht aus der Produktion die gewaltsame Vertreibung der ländlichen und indigenen Bevölkerung hervor. Der Anbau rentiert sich nur im großen Stile, weshalb nur Großunternehmen profitieren können. Für genmanipulierte Samen, Technik und Pestizide fallen hohe Kosten an. Das Modell basiert auf einer Mechanisierung der Landwirtschaft und verlangt nur wenige Arbeitskräfte.

Die Bevölkerung wird also von ihren Möglichkeiten beraubt und migriert auf der Flucht von Armut, Arbeitslosigkeit und Gesundheitsgefahren in die Städte.

MST protestiert gegen die Vertreibung und verlangt nach Umverteilung.
Seit 1985 besetzt die Organisation ungenutztes bzw. unrechtlich erworbenes Land. Es werden Prozesse gegen die Landbesitzer geführt. Wenn diese gewonnen werden können, werden Siedlungen für die ehemals Landlosen errichtet. Es entstehen kooperative Bauernhöfe, Schulen und seit neustem sogar eine Uni.
Bisher konnten bereits für 400 000 Familien offizielle Landtitel erreicht werden.

1991 erhielt die Organisation den alternativen Nobelpreis.

Eintrag auf Facebook teilen
Eintrag auf Twitter teilen

Kommentieren