Alltag in Tropang Trea

Seit über einem Monat lebe ich bereits in Tropang Trea. Es wird also höchste Zeit, dass ich über mein Leben hier berichte!

Tropang Trea ist das kleine Dorf, in dem sich die neue Sorya-Schule befindet. Es hat ungefähr 100 Einwohner und liegt in der Provinz Takeo, ca. 50 km südlich von Phnom Penh. Kommt man mit dem Bus aus Phnom Penh hierher, so ist es besonders im Dunkeln eine wahre Herausforderung, den Ort wiederzuerkennen. Bushaltestellen gibt es zwischen Phnom Penh und Takeo keine und den Namen Tropang Trea hat der Fahrer in der Regel noch nie gehört. Daher muss man selbst aufpassen und im rechten Moment durch den ganzen Bus „tschup mui!“ (Halt!) brüllen. Der Busfahrer setzt einen dann am Psa Yei Trop ab, dem Markt auf dem wir jeden Tag einkaufen. Von dort aus biegt man rechts unter einem großen, verzierten Torbogen in einen schmalen Weg ein, entlang dessen sich die Häuser von Tropang Trea säumen.

Es sind einfache Häuser aus Holz oder Bambus. Sie stehen meist auf Beton- oder Holzpfeilern, so dass unter den Häusern ein offener Raum entsteht. In diesem Raum und vor den Häusern spielt sich das Leben ab: Hier werden die Tiere untergebracht, hier wird gearbeitet, hier wird der frisch geerntete Reis ausgebreitet, hier wird gespielt, gekocht und gegessen. Die obere Etage, die man über eine Außentreppe erreicht, dient als Schlafplatz.

Jeder „Barang“ (Ausländer), wird an jedem Haus, an dem er vorbeikommt, mit einem lauten, aufgeregten „Hello Hello“ begrüßt. Besonders die kleinen Kinder und die alten Frauen haben sich dies zum Hobby gemacht und begrüßen uns unermüdlich und mit gleichbleibendem Enthusiasmus, auch wenn man an manchen Tagen zehnmal an ihnen vorbeigeht. Mich beeindruckt es sehr, wie offen und gastfreundlich die Menschen hier mit Fremden umgehen. Oft winken sie mir zu und wollen, dass ich mich zu ihnen setze, mit ihnen esse oder mich mit ihnen unterhalte. Dass ich nur ein paar Standardsätze Khmer spreche und mein häufigstes Wort „adjul“ (ich verstehe nicht) ist, scheint sie erstaunlicher Weise nicht zu stören.

Zu jedem Haushalt gehört eine ganze Menge verschiedener Tiere. Direkt vor unserer Schule liegen zwei weiße Rinder auf dem Weg. Die Kühe, die hier so anders aussehen als unsere Kühe in Deutschland – schneeweiß, ziemlich knöchern und mit einem kleinen Höcker über den Schultern, werden in erster Linie für die Arbeit auf den Feldern gebraucht und sind außerdem eine Art Kapitalanlage für die Bauern. Eine Kuh zu besitzen, bedeutet eine gewisse Sicherheit. Wird z.B. jemand in der Familie krank, so kann man die Kuh verkaufen und von dem Geld einen Arzt oder Krankenhausaufenthalt bezahlen. Neben den Kühen gibt es Hühner, die frei durchs Dorf spazieren. Banden von Ferkeln rennen durch die Gegend und verirren sich manchmal sogar auf unseren Schulhof. Jedes Haus hat mindestens einen, meist ziemlich unansehnlichen Wachhund, der besonders im Dunkeln sehr angsteinflößend sein kann. Direkt vor unserem Schultor sitzt ein bedauernswerter Affe, ein Maskottchen unserer Nachbarn, der Tag und Nacht an einen Pflock gebunden ist.

Die oberste Etage unseres Schulgebäudes besteht aus einer riesigen Dachterrasse. Von hier aus hat man einen phantastischen Ausblick über das Dorf und die dahinter liegenden Reisfelder. Das Land ist flach. Nur vereinzelt tauchen am Horizont Hügel auf. Als ich hier ankam war alles grün. Mittlerweile haben sich die Felder gelb gefärbt. Es ist Erntezeit und auf den Feldern sieht man Bauern und Kühe. Fast jeder Dorfbewohner hat sein eigenes kleines Reisfeld. Bei der Ernte hilft die ganze Familie, weshalb zur Zeit auch weniger Schüler zum Unterricht kommen. Die Pflanzen werden mit Handsicheln geschnitten, Maschinen gibt es nicht. Vor einigen Häusern liegen bereits die geernteten Pflanzen gebündelt und zu großen Stapeln aufgehäuft.

Wer glaubt, er könne hier im Dorf die ländliche Ruhe genießen, hat sich geirrt. Still ist es hier nie! Noch vor Sonnenaufgang, also um kurz nach 5:00 Uhr, fangen die Mönche in der nahe gelegenen Pagode an zu beten und zu singen. Tagsüber macht ein hustender Dorfvorsteher mit monotoner und (leider) durch Mikrofon verstärkter Stimme stundenlange Bekanntmachungen. Richtig laut wird es dann abends. Mit eintretender Dunkelheit beginnen nicht nur die Geckos zu lachen, die Grillen zu zirpen, die Frösche zu quaken, die Hunde zu bellen… Dann beginnen auch die sehr beliebten Karaokeparties, so dass ich nicht selten von wunderschön kitschigen Khmer-Songs in den Schlaf gesungen werde. Oder aber es findet eine Beerdigung statt, so wie jetzt gerade. Die Beerdigungen dauern drei volle Tage und werden von klagenden Mönchgesängen und quietschenden, markerschütternden Instrumenten begleitet und gipfeln in eine Art Party mit großem Feuerwerk.

Trotz des ständigen Lärms liebe ich das Dorfleben. Sobald ich für ein paar Tage in Phnom Penh oder Siem Reap bin, sehne ich mich zurück nach dem Dorf. In den größeren Städten bekommt man den Tourismus und seine (leider häufig negativen) Folgen natürlich unweigerlich zu spüren. Hier auf dem Land hingegen habe ich das Gefühl, ein echtes, unverfälschtes Kambodscha kennenzulernen.

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