Uni auf “beninisch”

Zugegebenermassen: Ich wusste zwar vom Uni-Projekt der Weitblicker aus Leipzig, kannte es auch in seinen Grundzuegen, aber das wars dann auch. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wollte ich es mir nicht entgehen lassen, mir alles aus naechster Naehe anzusehen – allerdings dann doch eher als neugierige Besucherin und nicht als weitblick Muenster-Gesandte.

Per Email hatte ich mich mit Marit, die am Germanistik Departement lehrt und die Projektkoordinatorin vor Ort ist fuer Dienstag (5. Juli, inzwischen schon wieder eine ganze Weile her) 13 Uhr verabredete und mir von den Leipzigern noch schnell das aktuelle Konzeptpapier schicken lassen, um nicht voellig ahnungslos dazustehen und schon einmal meine eigenen Gedanken zu sortieren.

Der Campus der Université d’Abomey-Calavi, so der vollstaendige Name, liegt etwa 20 Taxi-Minuten ausserhalb von Cotonou, der Grossteil der Fakultaeten ist hier angesiedelt, vereinzelt finden sich jedoch auch Institute an anderen Standorten. Marit berichtete, dass nicht immer wirklich durchdacht gehandelt wuerde, wenn ploetzlich irgendwo in Benin ein Grundstueck oder Gebaeude fuer die Uni zur Verfuegung staende. Mitunter wuerden Institute in Staedte oder Doerfer verlegt, in denen sie keinerlei Anbindung an andere universitaere Einrichtungen haetten und zudem fuer Lehrende wie auch fuer Studierende nur muehsam zu erreichen waeren. Zum Campus hingegen gibt es sogar eine preisguenstige und wohl funktionierende Shuttle-Bus Verbindung ins Zentrum von Cotonou.

Die F.L.A.S.H. (Faculté des Lettres Arts et Sciences Humaines), d.h. die geisteswissenschaftliche Fakultaet, ist nicht schwer zu finden, folgt man der in einer Rechtskurve und mit leichter Steigung verlaufenden Hauptstrasse durch das Eingangstor des Campus. Haette ich es nicht gerade erst gelesen, haette ich es fuer unmoeglich gehalten : Hier also studieren 25 000 beninische Studenten ?!?

Auf dem Campus selbst herrscht ein angenehmes buntes Treiben: Wie immer gibt es alle paar Meter irgendetwas Essbares zu kaufen, die Studenten, teils in « normaler », westlicher Kleidung, teils in den farbenfrohen afrikanischen Stoffen, stehen in kleinen Gruppen zusammen, quatschen, lachen – Campusleben eben. Bis zu meiner Verabredung mit Marit habe ich noch ein wenig Zeit, sodass ich ein bisschen herumstrolche, mir es auf einer Bank im Schatten gemuetlich mache und alles auf mich wirken lasse. Das Gelaende scheint mir weniger weitlaeufig zu sein als in Lomé, dadurch ist hier mehr Leben, man ist mittendrin. Das gefaellt. Als ich an ein paar « Copy-Shops » vorbeikomme, frage ich mich, wie viele Studenten hier wohl auf einen Kopierer kommen – und ueberlege, was ich alleine schon an Seiten durch meinen eigenen Drucker gejagt habe…

Als ich Marit zur verabredeten Zeit anrufe, werde ich weggedrueckt. Nachfolgende SMS und weitere Anrufversuche bleiben ohne Reaktion – na sowas?! Aber ich habe Glueck – im Buero der Germanistik treffe ich auf einen Mitarbeiter (und bin ganz nebenbei ziemlich beeindruckt von seinem akzentfreien Deutsch, wuerde ich doch nur annaehernd gut Franzoesisch sprechen!) und gemeinsam machen wir uns auf die Suche nach Marit, gleichen Handynummern ab, stellen Mutmassungen an…und koennen Marit nicht finden. Was solls, denke ich mir, und beschliesse, mich noch eine Weile hier aufzuhalten, bevor es zurueck ins viel zu laute Cotonou geht. Ich werfe einen Blick in die Bibliothek, halte hier und da Smalltalk und hoere auf einmal meinen Namen. Der Mitarbeiter von eben ruft mich zu sich hinueber, er hat zwei Studenten aufgetrieben, die wissen, wo Marit gerade unterrichtet und mich zu ihr hinfuehren werden. Stolz verkuenden die beiden, dass sie Germanistikstudenten im dritten Jahrgang und darueber hinaus Mitglieder des Deutsch-Clubs sind. Ich muss ein wenig schmunzeln. Da sie ganz heiss darauf sind, Deutsch zu sprechen und ich (fast) ebenso heiss aufs Franzoesische bin, einigen wir uns auf einen Sprachenmix.

Aufgrund des erheblichen Mangels an Raeumlichkeiten ist es keine Seltenheit, dass – wie heute – die Hoersaele und Seminarraeume anderer Fakultaeten mitgenutzt werden. Marit ist in voller Aktion: eine zweiwoechige Praxisphase steht an, Gruppen wollen eingeteilt, Themen vergeben und tausend Fragen geklaert werden. Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Im Bereich Didaktik soll eine eigene Unterrichtsstunde gestaltet und ein Spiel entwickelt werden, in Linguistik steht ein richtiges kleines Forschungsprojekt bevor, bei dem die Studierenden eine Forschungsfrage zur Mehrsprachigkeit bei Kindern entwickeln und dieser dann auch « im Feld » nachgehen sollen. Ich bin beeindruckt. Obwohl der Exotik-Faktor, den « Afrika » irgendwann auch fuer mich einmal gehabt hat, laengst Geschichte ist, erwische ich mich hier dabei, dass ich dies sowohl den Lehrenden als auch den Studenten nicht zugetraut haette.
Ein Student des 4. Jahrgangs erzaehlt mir von seinen Plaenen fuer die Magisterarbeit. Er moechte die Wortbildung im Deutschen und Mina (eine Sprache, die sowohl in Togo als auch in Benin gesprochen wird) miteinander vergleichen – das ist also Interkulturelle Germanistik, verstehe ich ploetzlich.

Marit entschuldigt sich tausendfach fuer das versaeumte Treffen – dabei ist doch alles halb so wild. Waehrend sie die naechste Vorlesung haelt, zeigen mir die zwei Jungs von eben den Campus und loechern mich mit Fragen. Sie haetten gehoert, in Deutschland sei das so und so, beginnen sie immer wieder und wollen von mir wissen, ob das denn nun der Realitaet entspricht. Also versuche ich zu erklaeren, wie es denn ist, in diesem Deutschland, das auf sie die gleiche Faszination ausuebt wie es fuer uns das « ferne Afrika » oft tut. Ich merke, wie viel sie bereits wissen – und wie viel mehr sie wissen wollen. Wenn das mal keine Begeisterung fuers Studium ist!

Nach Marits Feierabend bekomme ich dann noch das potentielle Grundstueck zu Gesicht – und werde zur Entschaedigung fuer die lange Warterei zum Abendessen bei Marit und ihrer Familie eingeladen…yeah!

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1 Kommentar zu “Uni auf “beninisch””

  1. Bert schreibt:

    Aug 04, 11 um 14:38

    Beachtenswerter Post.Habe einige tolle Gedankenanstoesse gekriegt. Warte auf neue Posts zum Thema.


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