Schulmarathon Teil I

Wo faengt man an – wo hoert man auf? Ploetzlich ist alles so klar, natuerlich grenzt die Baeckerei an die Bibliothek, natuerlich wohnen die Jungs hier vor Ort, natuerlich teilen sich Derick und Denis das Buero auf der linken Seite, waehrend Jules recht seinen Arbeitsplatz hat und natuerlich findet sich das Atelier mécanique (ach, klingt das nicht viel geschmeidiger als KFZ-Ausbildungswerkstatt?) schraeg hinter der Paillote, unter der die Jungs oft zusallensitzen und TV schauen.

Alles total unwichtig? Wahrscheinlich schon. Mit ziemlicher Sicherheit sogar, aber mir ist zum ersten Mal bewusst geworden, welch unkonkrete Vorstellung ich im Vorfeld eigentlich von pro dogbo hatte. Am liebsten wuerde ich nun zum Bleistift greifen und euch unzaehlige kleine und furchtbar ungenaue Skizzen aufs Papier schmieren – doofe digitale Welt. Zum Beispiel hatte ich immer gedacht, die Bibliothek gehoere zu einem der Schulgebaeude. Fehlanzeige. Uebrigens fehlt es ihr ganz dringend an beninischen Lehrbuechern. Stapelweise habe ich zwar die gruene Découvertes-Reihe von Klett gesehen, aber Sinn und Zweck der ganzen Sache ist, dass die Schueler ihre Schulbuecher hier preisguenstig kopieren koennen, um sie nicht teuer erwerben bzw auf sie verzichten muessen. Ein funktionierender Kopierer waere auch nicht verkehrt. Aber das nur am Rande.

Auch wenn ich nach zwei kleinen Abstechern bei pro dogbo wahrhaftig nicht jedes Gesicht (und schon gar nicht jeden Namen) kenne und laengst nicht alles ueber die Arbeit und das Leben hier weiss, so kann ich mich doch auf einmal ganz anders mit dem Verein identifizieren als zuvor. Diese Erfahrung hatte ich schon damals zusammen mit Jule nach einem 2 Stunden-Gespraech mit Nick von Umzingisi gemacht. Ploetzlich hat man ein Gesicht vor Augen, ein Gefuehl fuer die Sache, ein ganz anderes Verstaendnis, wenn die Rede von Umzingisi oder eben pro dogbo ist. Bevor ich also ueberhaupt angefangen habe zu erzaehlen, schon die Empfehlung an jeden, der die Chance dazu hat, diese Erfahrung ebenfalls zu machen, diese unbedingt zu nutzen!
Um mich nicht weiter in wirren Ausfuehrungen zu verlieren, moechte ich euch nun aber von meiner Tour in die Doerfer unserer Schule berichten:

Los gings am letzten Donnerstag, d.h. rauf aufs Moto und zusammen mit Denis etwa 10 Minuten durch Wiesen und Felder nach Kpogoudou. Nachdem wir durch ein Minidorf aus einer Handvoll Huetten gefahren sind, stehen wir voellig unvermittelt auf einer Lichtung, vor mir die Schule. Was fuer ein seltsames Gefuehl. Ehrlichgesagt brauche ich eine Weile, um herauszubekommen, vor welcher Schule ich nun stehe, aber wohlwissend haben wir ja Ort und Baujahr anpinseln lassen. Ich rufe mir das Bild ins Gedaechtnis, auf dem Marian und Cyril vor der Schule sitzen. Ja verdammt, das ist die gleiche Schule! Ich freue mich wie ein kleines Kind.
Der Direktor und das Kollegium erwarten uns bereit, die Schueler sind in den Ferien. Die Klassenzimmer werden besichtigt, Fotos geknipst, das alte Schulgebaeude begutachtet, das von einem Sturm sauber abgedeckt wurde, die ueblichen “Heiratest du mich und nimmst mich mit nach Deutschland”-Witzchen ausgetauscht (die leider auch in Dogbo nicht besser sind als in Togo, bald mehr dazu…habe da schon so einen Beitrag in meinem Kopf) und – wie soll es anders sein – zur Feier des Tages mit Sodabi angestossen. Ich haette es wissen muessen – und ich ahne fuerchterliches: Wieso habe ich nur zwei Orangen gefruehstueckt, anstatt mir eine ordentliche Grundlage zu verschaffen? Zu spaet.
Damit ist der Besuch in Kpogoudou auch schon beendet. Erst viel spaeter kommt mir der Gedanke, dass ich ja ruhig mal ein Gastgeschenk haette mitbringen koennen. Doof. Ich komme mir ganz schoen unhoeflich vor. Aber auch dafuer ist es nun zu spaet. Das muss der naechste, der von uns runterfaehrt, bitte unbedingt wieder gutmachen.

Nach Kpogoudou gehts wieder zurueck nach Dogbo und diesmal etwa 15 Minuten Richtung Midangbé. Auch das wuerde ich auch am liebsten kurz skizzieren. Wie schon Antje und Roxy beschrieben haben, befinden sich die Doerfer quasi in allen Himmelsrichtungen, wenn man von der Hauptstrasse Dogbos ausgeht. In Midangbé faehrt Denis uns zunaechst aufs falsche Grundstueck – kein Wunder, dass ich unsere Schule nicht ausfindig machen kann. Aber auch beim richtigen Grundstueck angekommen muessen wir uns eine Weile gedulden. Wir sind zu FRUEH. Na gibts denn sowas? Also faehrt Denis uns noch ein bisschen im Dorf herum – er kennt schliesslich Hinz und Kunz. Ich dachte immer, mit Andi waere es muehsam durch Muenster zu laufen…von wegen! Also werden brav unzaehlige Haende geschuettelt, Begruessungen ausgetauscht, Heiratsantraege mal angenommen, mal abgelehnt und – Sodabi getrunken. Wenig spaeter sind dann auch der Direktor und Co zur Stelle, sodass wir die Besichtigungs-Foto-Runde wiederholen. Zur Erinnerung: In Midangbé steht die erste Weitblick-Schule. Den Grundstein hat Joern damals gelegt, eroeffnet wurde sie von Clara. Die Bilder dazu kennt ihr bestimmt alle.
Als ich Blaise und Alphonse, 2 der Jungs im Haus Dogbo, spaeter die Bilder zeige, aergern diese sich betraechtlich ueber die Poster des Praesidenten, die hier im Buero des Direktors haengen und fragen mich, wieso ich mich nicht darueber beschwert habe – schliesslich mache dies den Anschein, als waere der Staat auch nur im Entferntesten beim Bau der Schule beteiligt gewesen…

Bevor wir uns zur dritten Station der heutigen Tour aufmachen, schauen wir noch schnell bei Denis Bruder vorbei, ein witziger Kerl, der die ganze Zeit Englisch sprechen moechte und Denis zu einem Boxkampf herausfordert. Die allgemeine Heiterkeit wird mit einer Runde Sodabi noch einmal gesteigert. So langsam muss ich mich arg konzentrieren, um mich wie gewohnt in meinem fabelhaften unverkennbar afrikanischen Franzoesisch zu artikulieren – der Switch mit dem Englischen verlangt mir alles ab. Ohjeee.
Gefuehlte drei Haeuser weiter stehen wir nun auf einem Grundstueck mit zwei provisorisch errichteten Schulgebaeuden. Ohne, dass ich so recht weiss, wo all die Menschen auf einmal herkommen, stehe ich urploetzlich umringt von einer ganzen Mannschaft von Leuten, die zu allem Uebel auch noch auf mich einreden. Angestrengt bis zum geht nicht mehr versucher ich einzelne Wortfetzen aufzuschnappen, den Kontext zu entschluesseln und die Situation einzuordnen. Ich bin heilfroh, als wir dazu uebergehen, Fotos zu machen. In die Kamera laecheln klappt vergleichsweise gut. Anschliessend fahren wir ein paar 100m weiter, wo mir erneut ein Grundstueck gezeigt wird – diesmal mit einer Schulruine. Rueckblickend frage ich mich, wieso hier der Groschen nicht gefallen ist…doch tatsaechlich macht es erst gegen Abend “Klick”. Mensch, Kathrin. as ist das Grundsteuck fuer Schule Nr.4, du kennst die Bilder, sogar den Namen des Dorfes und hast dir brav Antjes und Roxys Infos zu diesem Bauprojekt durchgelesen. Sodabi Olé.

Ich bin etwas erleichtert, als ich nach dieser Station mehr oer weniger betrunken in mein Bett fallen kann. Es spielt auch keine Rolle, dass es gerade lak 16 Uhr ist. Keine 10 Sekunden spaeter schlafe ich tief und fest…und traeume natuerlich von der ein oder anderen Schule.

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1 Kommentar zu “Schulmarathon Teil I”

  1. Charly schreibt:

    Jul 29, 11 um 00:28

    Hört sich nach nem interessanten Tag an! Ne schöne Zeit noch und immer schön eincremen ;-)


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