Togo-Frust und Campus-Action

1. Juni

Nachdem ich euch beim letzten Mal einigermassen enthusiastisch vom
neuen Sportprogramm berichten konnte, muss ich euch diesmal leider von
seinem jaehen Ende berichten. Nach genau einer Woche hat mein rechter
Fuss beschlossen in den Streik zu treten (Welch versteckter Wink auf
das, was ihr gleich noch erfahrt). Irgendwie fand er das
Seilchenspringen wohl nicht so witzig und eine eintaegige Laufpause
war vermutlich wohl auch nicht das, was er wollte. End vom Lied: Seit
1 ½ Wochen kann ich nur noch unter Schmerzen auftreten und humpel im
Schneckentempo durch die Gegend. Komischerweise sieht man rein gar
nichts…keine Schwellung, kein blauer Fleck, kein gar nix…und trotzdem
wirds taeglich eher schlimmer als besser. Nun ja, wie ihr euch sicher
vorstellen koennt, nervt mich das tierisch. Nicht nur, dass ich mich
nicht mehr auspowern kann, sondern auch so macht es einfach reichlich
wenig Freude, wenn der Fuss unentwegt was zu meckern hat.

Nach dieser persoenlichen Leidensgeschichte (irgendwie geht es einem
doch besser, wenn man mal so richtig rumjammern kann) nun aber zu den
letzten zwei Wochen hier in Togo. Kuerzlich (was das auch immer
heissen mag) hat Togo das Bildungssystem der USA fuer die
universitaere Ausbildung uebernommen. Der Haken bei der Sache: Das
System ist nicht einfach so auf einen Staat wie Togo uebertragbar.
Waehrend die Studenten in den USA uebers Internet zum Beispiel Zugriff
auf Tonnen von Literatur und Informationen jeder Art haben und die
Organisation des Studiums ausnahmslos ueber diverse Plattformen
abgewickelt wird, duempelt die Internetverbindung hier mit einer
solchen Geschwindigkeit herum, dass es mich an manchen Tagen eine
halbe Stunde kostet, mein Emailpostfach zu oeffnen. Ueberfuellte
Hoersaele, keine oder nur unzureichend ausgestattete Bibliotheken und
(sozusagen als Hoehepunkt) eine Erhoehung der Studiengebuehren haben
das Fass dann wohl zum Ueberlaufen gebracht, sodas es am letzten
Mittwoch (wiederholt?) zu Studentendemonstrationen auf dem Campus kam.
Was fuer mich zuerst so aussah wie der Auftakt einer grossartigen
Sportveranstaltung (und sich vor allem so anhoerte), endete bereits
wenige Minuten spaeter mit Traenengas und willkuerlichem
Abschreckungsgeballer der Polizei. Ich natuerlich mittendrin, denn auf
dem Sitz meines Motos wollte ich eigentlich genau durch die
Menschenmenge hindurch, quasi Richtung Mittagessen nach Hause. Mein
Fahrer – mindestens genauso erschrocken wie ich als es um uns herum
nur noch knallte und hunderte von Studenten quer ueber den Campus
davon rannten – tat also sein Bestes, um ueber einen holprigen Acker
so schnell wie moeglich davon zu duesen. Als ich zuhause davon
berichtete, lachte man nur…offensichtlich ist eine solche Reaktion der
Polizei nicht wirklich verwunderlich in Togo. Ich hingegen wusste gar
nicht so recht wohin mit meiner Wut. Auch am Donnerstag machte die
Polizei dann wieder ordentlich auf sich aufmerksam, bevor am Freitag
letztendlich saemtliche Zugaenge zum Campus gesperrt wurden, jeweils
bewacht von einem LKW voller Polizisten. Auf der einen Seite ist mir
gar nicht wohl be idem Gedanken an die Polizei hier, auf der anderen
Seite muss ich dann doch schmunzeln, wenn ich einen uniformierten
Polizisten mit einem Scout-Turnbeutel auf dem Ruecken sehe (erinnert
ihr euch noch an die ewige Schulhof-Diskussion: Scout- oder Amigo?
Welche Schultornister sind “in”, welche total uncool?) Normalerweise
wuerde man sich ja wahrscheinlich sogar ueber einen “schulfreien” Tag
freuen, aber da es hier in Lomé doch etwas an
Beschaeftigungsmoeglichkeiten mangelt und ich mich eigentlich immer
auf den Kurs freue, war ich nicht ganz so begeistert. Auch diese Woche
bleibt der Campus noch abgeriegelt. Der Praesident tagt naemlich
gerade mit jeder Menge wichtiger Leute in Lomé und man will wohl
nicht, dass die Weltoeffentlichkeit Wind von irgendwelchen
studentischen Unruhen bekommt. Um das Beste daraus zu machen und eine
weitere Region Togos kennenzulernen, gehts also morgen in aller
Herrgottsfruehe erst einmal Richtung Norden nach Kara. Ob Kara eine
Reise wert ist, dann also beim naechsten Mal…

Das Familienleben hat sich insofern etwas entspannt, als ich mir meine
Unabhaengigkeit erkaempft habe und mich nun ungeachtet jeglicher
skeptischer Fragen frei bewegen kann. Dazu gehoert dann wohl auch,
dass mir feierlich (und das ist nicht uebertrieben, tagelang wurde mir
eine “surprise” versprochen…na besten Dank!) die Aufgabe uebertragen
wurde, das Geschirr abzuwaschen (wohlgemerkt nur mittags und
selbstverstaendlich nur das von Eli und mir). Am Sonntag haben Sylvia
und ich doch tatsaechlich so etwas wie eine Eisdiele aufgetrieben, den
Montag habe ich mit Georges und Bernice verbracht – Cousin und
Cousine, die ich hier per Zufall in einer Bar vor dem Interncafe
getroffen habe und die mich seitdem mit SMS und Anrufen bombardieren,
sonst aber wirklich nett sind – und gestern ging es zum “Shoppen” auf
den viel zu stressigen Grand Marché. Leider…wiegesagt…sind die
Freizeitmoeglichkeiten in Lomé etwas eingeschraenkt, um es vorsichtig
auszudruecken. Der Strand in Lomé ist eher unschoen, jedenfalls
ungeeignet fuer einen gemuetlichen Nachmittag im Halbschatten inkl.
Picknick und Vokabelheft. Im Stadtzentrum selbst (und damit meine ich
um den Grand Marché herum) gibt es keine netten Parks, Cafés, Bars
oder sonstige schattigen Plaetzchen, wo man sich nach dem
Einkaufsstress eine Pause goennen koennte. Klar, in meinem Quartier
und natuerlich auch in den anderen Vierteln wimmelt es von kleinen
Restaurants, aber jeden Tag einen Instant-Kaffee mit Instant-Milch
oder ne Cola (in 1l-Glasflaschen) ist dann auch nicht sooo das Wahre.
Immerhin besitze ich nun ein Radio und lese fleissig Zeitung, was sich
natuerlich gleichzeitig gut eignet, um Gehoer und Vokabular ein wenig
voranzutreiben. Die Leserei klappt auch ziemlich gut, das
Hoerverstaendnis laesst dann wohl noch etwas auf sich warten. Beim
Zeitungslesen wird einem hin und wieder schlagartig bewusst, wo man
sich eigentlich gerade befindet (sofern man das fuer einen Moment
trotz der gefuehlten 40° vergessen haben sollte). So wurde in einem
Artikel der letzten Woche von einer Schulmeisterschaft im Fussball
berichtet. Der Preis fuer den Gewinner: ein Trikotsatz, ein Pokal, ein
bisschen Geld (bis hierher wohl 1:1 uebertragbar auf eine
Meisterschaft bei uns) UND ein Satz impraegnierte Moskitonetze.
Naja, Sinn macht es in jedem Fall…

Auch ohne einen gelungen Abschluss dieser kleinen Berichterstattung
wars das erst einmal wieder von mir und Togo. Hier ist es gerade 18
Uhr, meine absolute Lieblingszeit! Die Sonne geht langsam unter,
frische Luft und der Duft von Abendessen…

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