Woche 1 in Togo – oder der Kampf mit der franzoesischen Tastatur

10. Mai 2011

Inzwischen ist die erste Woche vorbei und nach anfaenglichem Kampf mit der Hitze und dem afrikanischen Rhythmus (der einfach viel langsamer ist als der Uni-Arbeiten-weitblick-Freizeit-Stress) und daraus resultierender Dauermuedigkeit, bin ich nun wirklich angekommen. Ich wohne in der Gastfamilie von Marian, der im letzten Jahr hier gewesen ist und weiss Gott was angestellt haben muss – man lobt ihn in den hoechsten Toenen J Zur Familie gehoeren Maman – eine afrikanische Mama, bei der man vom ersten Augenblick an weiss, wer hier die Hosen anhat J. Papa ist nur hin und wieder zugegen, da er etwas ausserhalb arbeitet. Eli ist mit fast 31 Jahren der juengste von fuenf Kindern, ausser ihm wohnen noch Rodrigue und Marie hier. Marie trifft man stets mit mindesten einem der beiden etwa 8-Monate alten Zwillinge namens – man lebt ja schliesslich modern – Ashley und Bradley an. Dass die beiden Kleinen einfach nur zum Anbeissen sind und man sie am liebsten den ganzen Tag betueddeln wuerde (auch wenn der Fisher Price Laufwagen zum _è. Mal Happy Birthday zum Besten gibt, brauch ich wahrscheinlich nicht extra zu betonen. Daniella (12 Jahre), Salace (7 Jahre) und Amanda (5 Jahre) wohnen ebnefalls hier und sind die Nichten von Eli, Rodrigue und Marie. So weit der aktuelle Stand der ermittlungen ;) Je nach Tageszeit tummeln sich noch einige Gesichter mehr hier herum – Cousins und Cousinen, Nachbarn und Freunde oder Lehrlinge der Naehwerkstatt, die von Marie betrieben wird. Das Haus ist u-foermig angelegt, eine der Laengsseiten geht ueber zwei Etagen und hat eine wunderbare Terasse, auf der man im Schatten von Palmen und Mangobaeumen essen, lesen, schlafen oder Vokabeln lernen kann. Das eigentliche Familienleben spielt sich allerdings im Innenhof ab. Mein Lieblingsbild ist, wenn Maman seltsam verrenkt auf einer einfachen Strohmatte ihren Mittagsschlaf haelt. Man koennte nun den Vergleich zu einem gestrandeten Wal ziehen, aber das klingt gemein und das sol les am allerwenigsten sein. Im Gegenteil – ich bewundere, wie sie mit ihren schaetzungsweisen 60 Jahren dort ihr Nickerchen macht; unsereins klagt schliesslich spaetestens Ende 25  ueber “Ruecken”. Mein Zimmer ist im Erdgeschoss und in einem…aeeh nennen wir es mal knalligen…Tuerkis gestrichen, aber mit grossem Bett, mehreren Tischen und Ablagemoeglichkeiten und etwas Kuechenbankaehnlichem super ausgestattet und liebevoll hergerichtet. (Knackpunkt ist eindeutig der Huehnerstall unter meinem Fenster, vor allem der Hahn, der ueberhaupt keine Nachtruhe zu kennen scheint und den ich vermutlich innerhalb der naechsten 3 Monate noch persoenlich umbringen werde.) Bei meiner Ankunft waren sogar Luftballons und ein Ueberraschungspaket mit Postkarte und Schmuck inclusive – ueberhaupt liebt Eli “la surprise”. Am Wochenende erst ueberreichte er mir mit feierlicher Miene eine Flasche Mumm-Sekt und freute sich dann wie ein kleines Kind. Eli selbst bezeichnet sich als mein Bodyguard und zieht gerne den Vergleich zu Kevin Costner und Whitney Houston (er ist wohl auch der einzige Mensch auf dieser Erde, der behauptet, dass ich singen kann. Ha, da habt ihrs! Naja, vermutlich liegt das nur darin begruendet, das ser mindestens genauso gerne und schraeg und darueber hinaus noch voellig ungeniert singt wie ich). Nachdem ich anfaenglich klargestellt habe, dass ich mein Glueck schon daheim in Deutschland gefunden habe J, kann ich quch mit der Rund um die Uhr-Betreuung etwas besser umgehen und wir haben uns gut angefreundet. Auch wenn es durchaus anstrengend, mitunter sogar wirklich nervtoetend bis kaum zu ertragen ist (ja, einen Radiergummi koennte ich auch selbst kaufen, meine Orange schaelen auch und eine halbe Stunde ohne Aufsicht bringt mich nicht um), bin ich sehr sehr dankbar fuer alle Zeit, die er mit mir verbringt und jegliche Muehen, die er sich macht. Als mir letztens ein Wort fuer meine Hausaufgaben fehlte, wurde innerhalb weniger Sekunden die ganze Family aktiviert: Rodrigue kam mit dem Oxford, Jules mit dem Lexikon – und als auch diese beiden Werke keinen Rat wussten, wurde mir keine zehn Minuten spaeter die Definition des Begriffs geliefert, die Encarta Enzyklopaedie hatte schliesslich gesiegt. Hin und wieder muss man also ein bisschen aufpassen, dass man lit einer einfachen und ziemlich bedeutungslosen Frage nicht die ganze Familie aufscheucht. Jegliche Versuche – zum Beispiel, was das Holen eines Trinkbeutels (Wasser gibts hier in (500ml Plastiktueten) aus dem Kuehlschrank angeht, sind bisher gescheitert, jegliche Erklaerungsversuche werden grinsend und wohlwissend ignoriert, jegliches Bitten und Betteln stoesst auf Ganit. Das muss wohl die togolesische Gastfreundschaft sein…obwohl ich natuerlich – wie man gerne betont – kein Gast bin, sondern zur Familie gehoere. Dafuer wird mir aber auch mit einer Seelenruhe ein Satz zum 15. Mal erklaert und immer wieder werde ich animiert, zu erzaehlen, zu erzaehlen, zu erzaehlen. Denn das ist “la priorité” – auch das bekomm ich tagtaeglich zu hoeren. Der Sprachkurs steht an 1. Stelle, dann kommt alles andere.

Einschreibung und Einstufungstest an der Universitaet verliefen mehr oder weniger problemlos – nach 10-minuetigem Geplauder mit einem Prof wurde ich fuer gut befunden und auf Level 3 eingestuft. Montags bis Donnerstags gibts nun also 4 Stunden Franzoesisch auf die Ohren (8-12 Uhr), Freitags ist schon um 10 Uhr Feierabend. Der Kurs besteht je nach Laune der anderen Teilnehmer aus 7-10 Personen, darunter ein Mexikaner, drei Spanier mit togolesischen Wurzeln und mehreren Ghanaern und Nigerianern. Was das Verstaendnis, das Vokabular und den Sprachfluss angeht, sind mir die meisten ueberlegen…bei allem anderen kann ich ganz gut mithalten. Vielleicht muss ich noch kurz erklaeren, dass dieser Kurs von Februar bis Juni durchgehend stattfindet und sich die Zusammensetzung laufend aendert, da der eine drei Monate teilnimmt, der andere vielleicht nur 4 Wochen. Daher wird auch nicht wirklich aufbauend gearbeitet, vielmehr stehen jeden Tag zwei Faecher  auf dem Stundenplan (zum Beispiel Hoerverstaendnis oder Grammatik), in denen dann entsprechendes (halbwegs beliebig ausgewaehlt) durchgenommen wird. An meinen ersten viert Tagen habe ich schon alles erlebt: vom top engagierten Lehrer, den ich am liebsten fuenf Tage die Woche haette, ueber eine togolesische Version von Herrn Ewert bis zu einer afrikanischen Furie, die ich jetzt schon gefressen habe und die uns gluecklicherweise auch noch 3x die Woche einen Besuch abstattet. Am Montag verbrachte sie zwei volle Stunden damit, uns den wahnsinnig wichtigen Unterschied zwischen diversen Anredeformen in einem Brief zu erklaeren. Na besten Dank auch. Zum Campus gehts jeden Morgen mit dem Moto, ich habe meinen eigenen Motofahrer, der mich brav zuhause abholt und auch nach der Uni wieder hier absetzt. Da das Gelaende der Uni sehr weitlaeufig zu sein scheint, habe ich von der Uni an sich bisher noch keinen richtigen Eindruck gewinnen koennen. Sobald meine Zuegel hier ein bisschen gelockert werden, moechte ich das aber nachholen und mir gerne ein genaueres Bild machen. Der Weg zur Uni beansprucht etwa 15 Minuten und fuehrt erst durch einige belebte Strassen, dann ueber einen Trampelpfad durch ein kleines Waledchen, vorbei an einigen Feldern und Plantagen und schliesslich uebers Universitaetsgeleande zum “Village du Benin”, wo das “Centre International de Recherche et d’Etude de Langues” untergebracht ist.

Zurueck zum Familienleben: Immer wieder amuesiert es mich, wenn ich sehe, welche Vorstellungen man hier davon hat, womit man mir eine Freude macht: So wurde ich an meinem ersten richtigen Abend hier direkt mal in einen Mzungu-Schuppen (wie Hannah es nennen wuerde)  ausgefuehrt. Auf den Tisch kam Pizza und auf der Leinwand wurde Schalke gegen ManU uebertragen – in TOGO, Hallo? Das Restaurant, natuerlich im Freien, hatte zwar seinen Charme und an der Pizza gabs auch nichts auszusetzen, aber die Idee, dass ich ein original-togolesisches Gericht an einer x-beliebigen Strassenecke vorgezogen haette, ist einem hier glaube ich voellig fremd. Mit welch einer Begeisterung mir Eli am Wochenende bei unserem Ausflug nach Kpalimé – einem wirklich traumhaft gelegenen Staedtchen zwischen Kaffee- und Kakaoplantagen und ganzen Waeldern von Mangobaeumen – den kleinen Pool unseres (dann doch eher schmucklosen Hotels) vorfuehrte, weil er dachte, das ser mir so die Freude meines Lebens macht J! Na gut, das laesst man dann so stehen und spielt mit – alles andere ist kaum uebers Herz zu bringen. Genauso verankert ist die Vorstellung; dass es von groesster Bedeutung fuer uns Europaer ist, von diversen Sehenswuerdigkeiten (was man auch immer darunter auffasst) ein Foto zu knipsen. So wurden mir bereits drei Postkarten von klobigen bis stylischen Hotel- und Bankgebaeuden am Strand von Lomé vorgelegt und voller Stolz versichert, dass ein Foto von genqu der gleichen Stelle schon zum bestehenden Programm gehoere. Au ja J

Essenstechnisch werde ich hier natuerlich vom Feinsten versorgt und ich bin – und sei es angesichts der Extra-Muehen, die man sich hier macht – positiv von der Vielfaletigkeit der togolesischen Kueche ueberrascht, die schon jetzt die Anzahl der kenianischen und ugandischen Gerichte zusammen uebertroffen hat. Mango und Ananas zum Nachtisch (und ich Depp dachte also Mango ist gleich Mango – von wegen, unzaehlige Sorten gibts hier, eine besser als die andere) reissen zudem alles raus J unschlagbar! Nur was die Groesse der Portionen angeht, musste ich dann doch mehr oder weniger harsch eingreifen, das bewaeltige ja selbst ich nicht! Mit Muehe und kleinen Ausreden hqbe ich so auch durchsetzen koennen, dass etwas Brot zum Fruehstueck genuegt und nicht jeden Morgen ein OmelettXXL zubereitet werden muss.

Auf der Rueckfahrt von Kpalimé am Sonntagnachmittag sind wir in einen sinnflutartigen Regen gekommen, sodass mir kurzfristig mein Optimismus abhanden kam und ich mir nicht mehr ganz so sicher war, ob wir Lomé denn heile erreichen wuerden. Just als wir durch ein krateraehnliches Schlagloch bretterten, entdeckte ich auf der rechten Seite zwei Grabstaetten. Na super, das macht Mut ;) Kurze Zeit spaeter konnte ich aber schon wieder schmunzeln: das Gebaeude dort, wohl eine Schule im Bau, kam mir doch etwas bekannt vor – eindeutig Modell XY unserer Schulen in Benin!

Soweit also meine erste Woche in Togo. Nach meiner Ankunft war ich mir fuer einen Moment nicht sicher, ob der Reiz des Unbekannten fuer mich bereits verflogen war – ob mich Togo vielleicht nach Kenia und Uganda nicht mehr begeistern, nicht mehr fesseln konnte…

Insbesondere in den fruehen Abendstunden, wenn die Sonne langsam untergeht und die Umgebung in warmes Licht taucht, wenn die Hitze langsam ertraeglich wird und sich der Geruch von Feuerstellen ausbreitet, wenn die Menschen auf die Strassen kommen und man von ueberall her Gute Laune-Musik hoert – spaetestens dann  ist er aber zurueck, dieser ganz besondere Charme, der mich auch dieses Mal wieder in seinen Bann zieht und der glaube ich gar nicht verloren gehen kann…

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