Schulbau in Ghana

Einmal, zweimal, dreimal in Ghana… Das sollte zur Routine führen, doch man erlebt immer wieder etwas Neues. Diesmal ist es die NGO, die ich hier besuche, die mich zum Staunen bringt. Ich hatte ja schon viel über unsere (also von Weitblick Duisburg-Essen) Partner-NGO „Madamfo Ghana“ gelesen, Bilder und Videos gesehen und mein volles Vertrauen in diese Organisation gesteckt, doch so wirklich kann einem von Deutschland aus gar nicht klar werden, was hier eigentlich geleistet wird.
Nach rund 2 ein halb Wochen Hauptstadtfeeling, d.h. pendeln zwischen dem Strand und der lauten, überfüllten, dreckigen Stadt, war es auch Zeit für mich wieder in die eher abgelegeneren Gegenden Ghanas zu reisen. .Hier fühl ich mich einfach wohler: es ist ruhiger, freundlicher und für mich auch interessanter. Man hat einfach das Gefühl, hier kann man noch was bewegen. Und unser Partner, bald hoffentlich auch wir, tut das.

Ich bin also vor 2 Tagen in der Voltaregion, der Regionalhauptstadt „Ho“, angekommen. Auffällig war erst mal die „gute“ asphaltierte Straße nach Ho und auch innerhalb einiger Teile der Voltaregion kann man mit bis zu 60-80 km/h fahren. Davon würden die Menschen im Norden träumen, auch wenn sich hier noch alle über den Zustand beschweren. Das ist ein Erbe der Kolonialzeit. Damals war die Region noch deutlich bedeutender als Heute und die Handelsroute von Togo über Ghana in die Elfenbeinküste, die durch Ho führte, wurde deshalb gut ausgebaut. Hier ließen sich auch die Deutschen nieder (damals gehörte dieser Teil zur Deutschen Kolonie Togo), bis sie 1914 die Gebiete an Großbritannien und Frankreich abgeben mussten. Gestern wurde mir auch erzählt, dass derjenige der das Alphabet der Regionalsprache „Ewe“ erfunden hat, in Bremen lebt. Aber schreiben kann die Sprache heutzutage kaum noch jemand.

Ho ist einer der wichtigsten Standpunkte für Madamfo Ghana. Die Stadt ist rund 2 Stunden vom Voltasee entfernt, wo unsere Schule gebaut werden soll, aber auch in Ho selber ist Madamfo sehr aktiv und der Projektkoordinator, der mir alles gezeigt hat, lebt hier. Hier hat Madamfo in diesem Jahr eine Lepraklinik, eine Küche, ein Brunnen und Unterkünfte für ca. 120 Leprapatienten gebaut, die sonst in ihren Dörfern ausgegrenzt würden oder einfach nicht die nötige Versorgung bekämen. Im April wird die Klinik offiziell eingeweiht, dann bin ich leider nicht mehr hier.
Auch das größte Projekt von Madamfo wird hier angesiedelt. Auf einem sehr großen Grundstück (bislang steht der Zaun) wird ein „Childrens Home“ errichtet. Was erst einmal nach einem Waisenhaus klingt ist sehr viel mehr als das. Es wird ein Dreistöckiges Gebäude mit Zimmern für die Kindersklaven vom Voltasee, weitere Waisen und Straßenkinder, sowie Volontären und Büros für Madamfo. Allein dieses Gebäude kostet rund 250.000€. Unvollstellbar so viel Geld durch Spenden aufzutreiben. Ins Fernsehen muss man’s halt schaffen… (Madamfo wird dieses Jahr zum dritten Mal bei Stern TV sein), dann werden Träume wahr. Dazu kommen auch noch ne Bibliothek, Küche, Fußballfeld, Computerraum und und und. Klingt wie ein Paradies für Waisenkinder und das in Ghana? Unglaublich, ich bin gespannt. Ich hab die Baupläne gesehen, kann’s trotzdem nicht glauben. Der Projektkoordinator von Madamfo ist übrigens Baumeister, was sehr praktisch ist. Er kann zwar die Bauten nicht selber vornehmen, da er alle Projekte überwachen muss, aber ich merkte an jeder Baustelle, die wir besuchten, dass er sich auskennt und die Bauarbeiter korrigieren konnte. Natürlich weiß er daher auch über Preise und so weiter Bescheid, was unermesslich ist. Sonst würde man wohl als NGO über den Tisch gezogen werden…
Ho ist auch sonst ne gemütliche, nette Stadt, aber das würd ich wohl m Moment iüber jede Ghanaische Stadt sagen, die einfach nicht so voll ist wie Accras Straßen. Man kann sich aber sicherlich mal ein Volontär hier niederlassen.

Was mich aber natürlich am meisten interessierte war das Dorf am Voltasee, wo die Schule gebaut werden soll. Das nennt sich „Awate Tornu“ und liegt halt wirklich direkt am See. Meine erste Frage war, wie viele Menschen hier eigentlich leben. Tja, schwer zu sagen. Mir wurde gesagt, dass die Bewohner darüber keine Auskunft geben wollen, denn sie wissen ja alle, dass sie sich mit dem Kinderhandel strafbar gemacht haben und daher sollte es möglichst wenig offizielle Informationen über das Dorf geben. Insgesamt wurden mittlerweile 102 Kinder durch Madamfo aus der Sklaverei befreit. Diese leben jetzt noch in den Waisenhäusern in dem Distrikt, bis das große Kinderheim in Ho gebaut wurde. Nur einige wenige konnten zu ihren Eltern zurück. Dort sind die Lebensbedingungen einfach nicht gut genug oder die Eltern sind nicht ausfindig zu machen. Die Kinderhändler bedienen sich natürlich auch in Waisenhäusern und anderen Einrichtungen. Erst vor kurzem wurde durch einen verdeckten Journalisten aufgedeckt, dass in einem der größten Waisenhäuser in der Hauptstadt Kinder misshandelt wurden. Die Zustände sind teilweise schrecklich in diesen Häusern. Die befreiten Kinder werden von Madamfo alle mit 100€ pro Monat verpflegt und zur Schule geschickt, damit so etwas nicht passiert.
Nun was soll ich zu „unserem“ Dorf Awate Tornu sagen, ich bin ja mittlerweile schon so einiges in Ghana gewöhnt. Erst letzte Woche war ich eine Freundin in einem kleinen Dorf an der Küste besuchen. Die Zustände waren dort auch schlecht und man musste in die nächstgrößere Stadt fahren, um die gewöhnlichen Ghanaischen Lebensmittel einzukaufen. Aber dort gab es alles von Kindergarten bis zu einem Berufskolleg. Das macht einen riesen Unterschied. Die Kinder hier haben eine Zukunft und müssen nicht so enden wie ihre Eltern. Aber in unserem Dorf gibt es halt einfach gar nichts, bis auf das was Madamfo bereitgestellt hat. Es gibt überhaupt keine Schulform, es gab bis zum letzten Jahr nicht mal einen Brunnen. Die Menschen haben einfach das Wasser aus dem See getrunken. Nun wurde hier von Madamfo ein Brunnen gebaut und gerade ist man dabei eine Toilettenanlage, im typischen Ghanaischen Stiel, zu bauen. D.h. trockene Plumpsklos. Zehn einzelne Räume mit je 2 Löchern. Angeblich soll es 100 Jahre dauern bis alles voll ist. Aber ich will mal hoffen, dass bis dahin auch hier richtige Toiletten und ein Abwassersystem angekommen sind, sonst haben wir versagt.
Dann wurde ich in dem Dorf zu den so genannten „opinion leaders“ gebracht. Also quasi der Rat der Weisen. Was genau ist das? Hier in der Region dominiert die Volksgruppe/Sprache der Ewe, es gibt aber auch Fanti und Twi. Aus diesen 3 Gruppen werden von den Bewohnern Vertreter in den Rat bestimmt. So zu sagen eine Koalition der Selbstverwaltung, abseits der Politik. Aber es zeigt auch, wie gut in Ghana das mit einander der verschiedenen Volksgruppen funktioniert. In anderen Ländern wär das unvorstellbar. Letztendlich ist dieser Rat aber auch nichts Besonderes. Worüber soll denn bestimmt werden? Es gibt ja normalerweise nichts. Die meisten von ihnen sind Fischer. Ansonsten wird in der Ortschaft noch ein ganz klein bisschen was angebaut: Maniok und Mais. Und manche haben Ziegen, Hühner oder Schafe. Immerhin gibt es eine kleine Hütte in die man sich setzen kann und ne Cola trinken kann. Von den „opinion leaders“ konnte natürlich kein einziger Englisch und laut dem Koordinator sind wirklich alle in dem Dorf Analphabeten. Strom gibt es aber übrigens in dem Dorf, damit hätte ich dann eigentlich nicht gerechnet.

Das Kernstück des gesamten Projekts gegen den Kinderhandel in diesen Dörfern ist ja das Fischfarming und das konnte ich mir jetzt nicht nur an zwei Tagen anschauen, sondern habe auch noch einen echten Experten dazu kennengelernt. Kein Wunder, es war natürlich kein Ghanaer. Sondern ein Belgier, der für eine israelische Fischfutterfirma arbeitet – Ein Gewerbe das bisher allein ausländischen Firmen gehört. Neben den Israelis produzieren noch Brasilianer und Tunesier in Ghana Fischfutter. Die Israelis haben aber das beste Preis-Leistungsverhältnis habe ich jetzt erfahren. Wen auch immer es von euch interessiert… Aber ich habe jetzt in den letzten Tagen einen kleinen, intensiven Crashkurs im Fischfarming mitbekommen und das ist wirklich ein junger, wachsender Markt, der neben der Mikrofinanzierung die Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern prägen könnte. Fischfarming kann sowohl als rein profit-orientiertes Geschäft betrieben werden, als auch wie in diesem Fall als „Social Business“. D.h. es wird ein sozialer Zweck verfolgt und der Profit geht nicht an die Investoren/Spender zurück, sondern wird dazu genutzt das Geschäft zu erweitern, um so noch mehr Menschen/Dörfer erreichen zu können. Allerdings steckt das hier auch noch alles in den Kinderschuhen und wurde bislang vielleicht ein bisschen zu sozial betrieben und zu wenig mit dem Blick für den Profit. Damit sich das ganze selbst tragen und wachsen kann muss natürlich der Profit stimmen. D.h. die Effizienz muss maximiert werden. Das ist allerdings sehr schwer mit ungebildeten Fischern die nichts von Fischfarming verstehen. Nur ein Beispiel: man kann erkennen, ob Fische gestohlen oder gestorben sind ohne unters Wasser zu gucken und alle zu zählen. Man kann nämlich genau berechnen wie viel die Fische in einem Käfig bei einer bestimmten Größe essen und wenn Futter übrig bleibt, heißt dies das Fische fehlen. Wenn man all diese Dinge perfektioniert ist das Ganze ein sehr lukratives Geschäft, aber dafür müssen die Fischer erst mal unterrichtet werden, worum sich jetzt der Belgier kümmern wird.
Trotz aller Schwierigkeiten am Anfang entwickelt sich damit was für das Dorf, was die Einkünfte der Fischer sichert und Kinder nicht mehr notwendig macht. Da aber jegliche Schule fehlt haben die Kinder keine Beschäftigung und sitzen dennoch in den anderen Booten rum und entwirren die Netze oder helfen an den Verkaufsständen der Eltern. Einige gehen in die Schulen in den Nachbardörfern. Das ist aber keine ideale Situation. Die Kinder werden so viel später eingeschult, bei Regen gehen sie gar nicht usw. Eine Schule wäre für dieses Dorf wirklich ein Meilenstein. Man hat mir gezeigt, wo sie gebaut werden soll. Madamfo plant nach und nach sowohl Kindergarten, als auch Primary (Klassen 1-6) und Junior Secondary School (Klassen 7-9) zu bauen. Dazu gehört natürlich auch, wie überall in der Region üblich ein Fußballfeld. Als Langzeitplan soll auch eine so genannte „Vocational School“, wo die üblichen Handwerke wie Schneidern oder Schreinern gelernt werden können, im nächstgrößeren Dorf errichtet werden. Nach dem was ich alles von Madamfo gesehen habe, halte ich es auch gar nicht mehr für so unwahrscheinlich, dass dies nach und nach kommen könnte. Normalerweise stempel ich diese großen Pläne in Ghana schnell als Träumerei oder Dummschwätzerei ab, aber nach dem was ich hier gesehen habe, seh ich wirklich einiges wachsen. Zudem es ist auch so wenn eine Organisation irgendwo anfängt zu bauen folgen hinterher auch die Regierung oder andere Organisationen mit den weiteren Bauten und so entsteht ein Dorf, das den Anschluss zurückgewinnt. Viel mehr wollen wir ja gar nicht…

Es gibt hier auf jeden Fall noch einiges zu tun, wir haben aber zweifelsfrei den richtigen Partner dafür und ein Dorf wo die Hilfe wirklich nötig ist und wo langfristig etwas aufgebaut werden kann. Und ich weiß auch jetzt schon, dass ich auch ein viertes Mal nach Ghana kommen werde…

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2 Kommentare zu “Schulbau in Ghana”

  1. cyril schreibt:

    Mrz 04, 11 um 15:57

    Danke dir für den ausführlichen Bericht. Es hört sich richtig interessant an was du berichtest. Unglaublich was da geschieht, ich bin froh dass wir einen Teil dazu beitragen können!
    Gruß
    cy

  2. Kathrin schreibt:

    Mai 24, 11 um 13:48

    Auch ich habe gerade mal die Zeit gefunden, deinen Bericht gelesen. Super informativ, danke! Hoffe, dass ich mir das Ganze bald noch mit eigenen Augen ansehen kann! Liebe Gruesse von nebenan 😉 Kathrin


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