Cricket und ein konspiratives Fleisch-Essen

Hallo zusammen,

die ersten Wochen in rural india sind schon vergangen und das Einleben funktioniert immer besser. Der Lebensrythmus hier wird in erster Linie durch die Verfügbarkeit von Strom bestimm. Sobald man den süßen Duft von Diesel in der Nase und das Brummen des Generators im Ohr hat, weiß man, dass das Stromnetz den Dienst quittiert hat und nur noch die notwendigsten Geräte versorgt werden. Und dazu wird der Deckenventilator nicht gezählt. Ca. 12 Std. am Tag ist der Saft weg, also heißt das vor allem zur aktuellen Jahreszeit und 40 Grad….. ein Bad im eigenen Schweiß nehmen. Trinken wird dann fast zur Hauptbeschäftigung.

Mein Arbeitsplatz ist im Konferenzraum des Hauses, wo ich mit zurzeit 5 Praktikanten aus Mumbai zusammen sitze und an diversen Projekten arbeite. Aktuell schreibe ich eine Bewerbung für einen Award der vom Innenministerium ausgeschrieben ist. Insgesamt sind die Arbeitsabläufe etwas unkoordiniert und chaotisch, was einen manchmal schon zur Verzweiflung treiben kann. Aber letztendlich passt man sich an und legt sich eine gewisse Gelassenheit zu. Etwas anderes bleibt einem auch gar nicht übrig. Dazu werde ich in den nächsten Wochen Englisch-Unterricht an die Mitarbeiter hier im Büro geben. Auch wenn Englisch Amtssprache ist, sind Englisch-Kenntnisse auf dem Land nicht selbstverständlich. Zwar ändert sich das aktuell etwas, aber auch die jungen Mitarbeiter tun sich mangels Praxis etwas schwer mit der Sprache. Schließlich wird auch im Büro in erster Linie Marathi gesprochen. Darin bräuchte ich ja eigentlich wiederum einen Sprachkurs, aber bisher habe ich es mangels Antrieb nicht zu mehr als zwei lebenserhaltenden Vokablen geschafft……Wasser und Mangos.

Großer Bahnhof in MhaswadLetzten Sonntag war dann ein absolutes Großereignis für Mhaswad-Verhältnisse angesagt. Für den E-Card launch, eine smartcard, auf der Kontodaten der Kunden gespeichert werden und die der erste Schritt zu bargeldlosem Zahlungsverkehr ist, wurden der CEO vom Sponsor HSBC und der Zentralbankgouverneur des Staates Maharashtra erwartet. Das Büro und die Bankfiliale wurden von oben bis unter geschrubbt und mit verschieden-farbigem Sand und Blumen dekoriert. Das Protokoll sah einen Marathon an Reden, Pressekonferenzen und Buffet vor. Einen netten Nebeneffekt hatte die ganze Sache für mich persönlich, da für das Projekt 4 HSBC-Mitarbeiter aus Mumbai abgestellt waren. Sie teilten mit mir das Schicksal einen Kulturschock zu erleben, da die kulturellen Unterschiede zwischen Mumbai und Mhaswad beträchtlich sind. Mit einem der Kollegen habe ich dann auch gleich einen Ausflug in die örtliche Pub-Szene unternommen. Nach diversen Anläufen entschieden wir uns dann für einen Laden, in dem das Publikum (ausschließlich Männer) immerhin vollständig bekleidet war. In einem Hinterhof gelegen und nur spärlich beleuchtet, hatte das Pub auf mich einen Hauch von Abenteuer. Dazu wurden ein 12-prozentiges lokales Bier und Erdnüsse serviert. Ein rundum gelungener Abend also. Der Genuss von Alkohol ist im ländlichen Indien allerdings sehr verpönt, da viele Familien unter der Alkoholsucht der Familienoberhäupter leiden.

Untergebracht bin ich nach wie vor bei der Bank-Gründerin und deren Familie. Sie haben mich sehr offen und herzlich zu Hause für 3 Monateaufgenommen und sind an Gäste aus den USA oder Europa gewöhnt. So ist mir das Einleben bisher recht leicht gefallen. Es gibt sogar Nutella zum Frühstück, mein favorisierter Frühstücks-Brotaufstrich der letzten 25 Jahre! Die Kaste, der die Familie angehört, sind strenge Vegetarier und entsagen auch dem Alkohol. Doch der älteste Sohn und ein Bankmitarbeiter, der ebenfalls dauerhaft im Haus untergebracht ist, machen da gern mal eine Ausnahme. So kam es, dass sie mich zu einem „konspirativen“ Fleisch-Essen eingeladen haben. Also haben wir uns zu später Stunde aus dem Haus geschlichen um uns in einem Gemeindehaus im Dorf mit ein paar Anderen zum Verspeisen einer Ziege zu treffen. Die kleine, feine Portion Fleisch war in Zwiebeln und Koriander eingelegt und sehr zart. Sehr lecker also. An der Soße und dem Reis habe ich dann aber erstmals in Sachen Schärfe kapitulieren müssen. Das war jenseits, des für mich machbaren, was die anderen natürlich sehr amüsiert hat.

Amüsiert haben sich auch die Freunde meiner Gast-Brüder, die mich in den Volkssport Nr.1 in Indien, Cricket, eingeführt haben. Wo in Deutschland die Kinder auf Bolzplätzen kicken, wird in Indien geworfen und geschlagen. Meine Wurf-Technik ist deutlich verbesserungswürdig, meine Stärke liegt deutlich im Schlagen. Für den Kenner, in meinem ersten Spiel habe ich gleich zwei 4-run zum Sieg beigetragen. Am Abend haben wir uns dann gemeinsam die Profis im Fernsehen angeschaut und mussten mit ansehen, wie der hoch gehandelte Favorit Indien gegen den Geheimfavoriten West Indian Islands aus dem WM-Viertelfinale ausscheidet. Mindestens so tragisch, als würde Deutschland im Sommer an gleicher Stelle ausscheiden.

So,  das soll für heute reichen. Der nächste Blog soll aber nicht so lange auf sich warten lassen, dass ich vom tatsächlichen deutschen Ausscheiden berichten muss.

Viele Grüße aus Mhaswad!

Eintrag auf Facebook teilen
Eintrag auf Twitter teilen

1 Kommentar zu “Cricket und ein konspiratives Fleisch-Essen”

  1. Antoine Guillaud schreibt:

    Jun 08, 10 um 12:56

    Mehr Training Daniel !!! Das mit der Schärfe… du kannst es besser !!! ;-)

    Freut mich, dass alles so gut klappt!

    Herzliche Grüße aus der Main-Metropole, 3 Tage vor dem WM-Fieber-Anfang !

    Antoine


Kommentieren