Und noch einmal Fußball

Nach dem Lesen der Überschrift werden sich sicher einige fragen: Ja, Mensch hat denn der Kerl nichts anderes aus Algerien zu berichten außer Fußball.

Darauf kann meine Antwort nur lauten: Nein, Fußball ist hier zur Zeit alles. In den Straßen, auf den Plätzen, in den Zeitungen. Es gibt einfach kein anderes Thema.

Rückblick: Vergangenen Samstag hatte Algerien bereits die Möglichkeit sich für die WM in Südafrika zu qualifizieren. Das hat leider im ersten Anlauf nicht geklappt. Unglücklich gab es das zweite Gegentor in der 5. Minute der Nachspielzeit. Damit sind Algerien und Ägypten nun Punkt- und Torgleich. Jetzt kommt es zum großen Finalspiel auf neutralem Boden im Sudan. Schon vor dem letzten Spiel hatte ich berichtet, dass eine Art Ausnahmezustand auf den Straßen herrschte. Nach der Niederlage war dann die Stimmung erstmals gedämpft und Algerien im Tal der Tränen. Doch das Tal war nach gefühlten 5 Minuten bereits wieder durchschritten. Seitdem ist wieder Alarm und Ausnahmezustand auf der Straße. Ob tagsüber und nachts. Nur Gehupe und laute Schreie. One, two, three Viva l’Algèrie. Alles ist hier in den grün-weißen Nationalfarben. Ein durchgehender Autocorso von morgens bis abends. Ich bin ja auch für viele Späße zu haben, aber wenn ich teilweise sehe wie hier die Leute aus den Autos hängen, Fahnen schwenken, dann kann ich gar nicht hingucken. Hoffentlich passiert da nichts. Kaum noch ein Bus auf der Straße, auf dem nicht 20 Jugendliche stehen und feiern. Die Busse halten aber keinesfalls an. Auch die Polizei scheint sich nicht an den neuen “Partybussen” zu stören. Wer glaubt ich übertreibe, der ist herzlich eingeladen sich davon selbst ein Bild zu machen. Das Land ist im Ausnahmezustand keine Frage. Für die normalen Besorgungen braucht man zur Zeit wesentlich länger, weil einfach kaum ein durchkommen ist. Alles freut sich auf morgen. Selbst jetzt um knapp 23 Uhr ist hier im Haus das Hupkonzert von draußen zu hören. Und ich wohne nicht mal im direkten Zentrum. Absoluter Wahnsinn ist das. Das denen das nicht langweilig wird. Schließlich feiern die ja schon knapp eine Woche durch. Unglaublich. Eine solche Vorfreude und ein solchen Trari-Trara hab ich auch nicht einmal bei unserer WM 2006 gesehen. Die Leute sind mehr als fußballverrückt. Was passiert eigentlich wenn die sich wirklich qualifizieren?

Leider muss man aber auch sagen, dass es hier schnell politisch wird. Gerne wird der Fußball instrumentalisiert und zur Schaffung eines neuen Nationalbewusstseins missbraucht. Soll heißen, dass die Politik ganz schön mitredet. Alle algerischen Tickets wurden vom Staat aufgekauft. Der gibt nun zu sehr erschwinglichen Preisen subventionierte Kombipakte mit Flugticket, Eintrittskarte und Visum heraus. Das auch ja viele Algerier in den Sudan reisen. Laut Tagesspiegel hatte wohl der algerische Präsident versprochen alle verfügbaren Flugzeuge der staatlichen Gesellschaft Air Algerie einzusetzen und notfalls auch Militärmaschinen zu mobilisieren. 48 Sondermaschinen sind mobilisiert. Ägypten will dem natürlich in nichts nachstehen. Das zeigt, dass die Bedeutung weit über den Sport hinausgeht. Auf beiden Seiten. Überall hört man von vermeintlichen Toten in Kairo am vergangenen Samstag (die Meldungen sind sehr widersprüchlich). Die Stimmung ist dementsprechend aufgeheizt. Es sollen sogar schon Mobilfunkgeschäfte einer ägyptischen Firma hier in Algier in Brand gesteckt worden sein. Viel tragen dazu auch Gerüchte und Halbwahrheiten bei. Hier auch einmal zwei deutsche Artikel zum Thema:

http://www.tagesspiegel.de/sport/Fussball-WM-2010-Aegypten-Algerien;art19471,2952418

http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,661443,00.html

Auch hier sieht man schon, dass diese sich etwas widersprechen. Ich lerne daraus, dass man gerade in einer solchen Situation nicht alles glauben sollte und darf. Ich bin mal gespannt wie es morgen ausgeht. Einer wird gewinnen. Einer wird aber auch verlieren. Ich hoffe es bleibt alles friedlich, in Algerien, in Ägypten und auch im Sudan.

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