Ein Dorf namens Balakandi

Vom 17. – 20. August stand bei uns ein viertägiger Aufenthalt in einem Dorf namens Balakandi auf dem Programm.
Die Aufenthalte in den Dörfern sind ein wesentlicher Teil des Praktikums bei der Grameen Bank. Hier gibt es die Möglichkeit zu sehen, wie die Idee der Mikrofinanzierung praktisch umgesetzt wird.
Am Montag um 10Uhr30 fuhr der Minibus von unserem Hotel ab. An Bord waren zwei Übersetzer, drei weitere Praktikanten, unser Koordinator der Grameen Bank und wir beide.
Wir beide kamen zusammen in das Branch Office (Zweigstelle) in Balakandi, ca. vier Stunden von Dhaka entfernt.
Unser Branch Office, in dessen Anbau wir schliefen und aßen, leitet und koordiniert ca. 60 Village Centers (das Foto auf dem wir mit den vielen Frauen zu sehen sind, ist z.B. ein Village Center). Village Center sind die unterste Stufe der Grameen Bank Hierarchie und arbeiten in direktem Kontakt mit den KreditnehmerInnen.
Montags kamen wir erst gegen 17 Uhr an, nachdem wir vorher noch die anderen Praktikanten bei ihrem Branch Office abgesetzt hatten. Dementsprechend blieb uns nicht mehr viel Zeit um den Tag zu genießen. Aber unverhofft kommt oft und es ergab sich noch folgende Situation:
An unserem Branch Office angekommen, lernten wir zwei Jungen kennen, die zurzeit einen Studienkredit der Grameen Bank in Anspruch nehmen.
Da wir vorhatten, mit so vielen Mitgliedern wie möglich zu sprechen und sie zu interviewen, fuhren wir mit einem der beiden zu sich nach Hause. Wir lernten also die Mutter und die restliche Familie des Jungen kennen und führten unser erstes Interview durch. Nachdem wir alles gefragt hatten und auch die Mutter die Gelegenheit hatte, uns ein paar Fragen zu stellen, machten wir uns auf den Weg zurück zum Branch Office. Die meistgestellte Frage der Kreditnehmerinnen an uns, ist ohne Zweifel: „Aus welchem Land kommst du?“ Sei es in Dhaka oder in dem Dorf, es ist nichts Ungewöhnliches, wenn jemand an uns vorbeiläuft und einfach nur schnell fragt aus welchem Land man kommt. Oft reichen die Englischkenntnisse nicht für längere Gespräche aus.
Insbesondere im Dorf ist man als Ausländer (Bideshi) schon eine Sensation. Als Dani am ersten Abend unter hohen Erwartungen an den deutschen Fußballer eine Runde gekickt hat (Cyril hatte leider Flip Flops an), hat sich in Null Komma nix eine Traube von mehr als zwanzig Leuten um Cyril gebildet, an einem Ort wo vorher keiner stand. Ob jung ob alt, alle kamen einfach an und stellten sich dazu. So wie der Einäugige König im Königreich der Blinden ist, ist derjenige der am Besten das Englische beherrscht der Herr der Aufmerksamkeit und Anerkennung seiner Landsleute.
Wenn wir dann selber mal ein „Kemon atschen (Wie geht es dir)“ zum Besten geben, ist der Begeisterung keine Grenzen gesetzt. Das Gesicht des Fragenden verwandelt sich schlagartig von interessiert in pure Erstaunung und Glück, dass ein Fremder seine Sprache spricht.
Sprache ist definitiv der Schlüssel zu den Leuten, auch wenn es nur ganz wenige Wörter sind.

Unser Fortbewegungsmittel während der vier Tage, war der so genannte „Van“:
Ein Fahrrad mit großer Holzfläche hinten dran, auf der vier Leute locker Platz finden (wir waren meist zu viert unterwegs: der Branch Manager, unser Übersetzer und wir beide).
Nach der Runde Fußball, bei der Dani als neue Hoffnung gefeiert wurde und große Erwartungen in unser erneutes Erscheinen gesteckt wurde (es konnte leider nicht erfüllt werden…), fuhren wir zurück ins Branch Office zum Diner:
Reis, Hühnchen, Gemüse und Dal.
Dienstag und Mittwoch besuchten wir je zwei Center Meetings bzw. Village Center, an denen ca. 40 Frauen teilnahmen. Nun ja, meistens war das eigentliche Center Meeting schon vorbei als wir kamen und wir hatten einfach die Möglichkeit, unsere Fragen zu stellen.
Dass sah dann meisten so aus, dass wir uns mit einem kurzen „A Salam aleikum“ und zwei Sätzen Bengali vorstellten (Ama nam … = Mein Name ist; Ama Desh Germany = Ich komme aus Deutschland) und dann die vorbereiteten Fragen auf Englisch stellten, die unser Übersetzer dann auf Bengali übersetzte.
Nach den Center Meetings interviewten wir dann ein bis zwei Kreditnehmerinnen.
Dazu wurden wir immer in deren Häuser eingeladen und es wurde versucht alle im Dorf befindlichen Stühle zusammenzutragen, dass wir ja nicht auf der Strohmatte sitzen müssen (sich dagegen zu wehren war schlichtweg unmöglich).
Wir bekamen also jede Menge Informationen und bekamen auch noch zu sehen wie die Menschen auf dem Land leben.

Der Aufenthalt in dem Dorf war definitiv das Aufschlussreichste was man machen kann. Es hilft enorm dabei, die Strukturen und Arbeitsprozesse der Grameen Bank zu verstehen.
Es bleibt festzuhalten, dass wir in einem Branch Office waren, das vor ca. 20 Jahren eröffnet wurde. Die Grameen Bank ist in der Region in der wir waren eine feststehende Institution und die meisten der Kreditnehmerinnen waren schon jahrelange Kundinnen, teilweise seit 20 Jahren. Dies wunderte uns im ersten Moment, da wir nicht erwarteten, dass Frauen dauerhaft Kundinnen bleiben sondern irgendwann komplett auf eigenen Beinen stehen. Diese Frage wird uns in den kommenden Wochen noch beschäftigen.
Wir planen einen weiteren viertägigen Aufenthalt in einem Dorf und werden versuchen, in ein jüngeres und vielleicht nicht so gut laufendes Branch Office zu kommen, um besser untersuchen zu können, woran die Umsetzung der Idee der Mikrofinanzierung scheitern könnte.

Außerdem wollen wir, wie angekündigt, die Grameen Bank und ihre Strukturen deutlicher beschreiben. Wenn ihr Fragen habt oder sagen könnt, was euch an dem Ganzen interessiert oder wenn euch Fragen einfallen, die ihr gerne den KreditnehmerInnen stellen würdet, immer her damit!

Also bis denn!

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